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Solidarisches Bürgergeld oder Bedingungsloses Grundeinkommen – Was ist besser?
Geschrieben von: Ronny Siegel   
Dienstag, den 05. Juli 2011 um 00:00 Uhr

solidarisches-buergergeld-mini„Politiker rufen immer, wo ist mein Volk? Ich folge dir.“ mit diesen Worten schloss Herrmann Binkert, Staatssekretär a.D., seinen Vortrag ab. Herr Binkert ist unterwegs im Auftrag des Instituts für neue soziale Antworten. Viele Worte für eine Idee, dem solidarischen Bürgergeld, wie es aktiv beworben wird. Die Idee dahinter ist alt wie die französische Revolution. Doch in unseren heutigen Tagen erfährt diese Idee einen neuen Aufwind. Wieder einmal steht Europa vor einem Scheideweg. Die finanzielle Situation ist in den meisten Staaten prekär und die Sozialsysteme sind kurz vor dem zusammen brechen. Dies weiß man, auch in politischen Kreisen. Und auch wenn Herr Binkert für die Idee des solidarischen Bürgergelds brennt, fordert er alle Beteiligten auf sich auf einen Wettbewerb der Ideen einzulassen.

Das solidarische Bürgergeld – eine Idee von Dieter Althaus

Solidarisches Bürgergeld? Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens werden spätestens an dieser Stelle mit der Stirn runzeln. Versteckt sich etwa dahinter dieselbe Idee wie bei dem Grundeinkommen? Versuchen hier Politiker auf den fahrenden Zug aufzuspringen, der unter anderem von Götz Werner gelenkt wird? Mitnichten, denn hinter dem solidarischen Bürgergeld verbirgt sich eine Idee, die aus dem Jahr 2006 stammt. Damals kam der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen, Dieter Althaus, die Idee die Sozialsysteme nachhaltig zu verändern. Eine Art von Grundeinkommen sollte dort Abhilfe schaffen, wo sich bereits heute die Balken der sozialen Last biegen und zu brechen drohen.

Wie funktioniert das solidarische Bürgergeld?

400 Euro möchte man in Zukunft jedem Menschen in der Bundesrepublik zahlen, ohne dies an irgendeine Bedingung zu knüpfen. Dazu kommen für sozial Bedürftige weitere Leistungen wie Wohngeld oder Zuschüsse für Medikamente. Weitere 200 Euro sollen als Beitrag für eine Bürgerversicherung, die Krankenversicherung, bereit stehen. Macht zusammen für jeden Bürger in diesem Land 600 Euro. Muss man dafür auf ein Amt gehen und nachweisen dass man bedürftig ist? Nein, denn wenn es nach den Ideen des solidarischen Bürgergelds geht, soll sich um die Auszahlung des Bürgergeldes in Zukunft die Finanzämter kümmern.

Dies würde sich anbieten, denn das Bürgergeld wird automatisch mit dem Einkommen verrechnet. Wer 200 Euro durch Nebenjobs verdient, bekommt über diesen Weg 400 Euro oben drauf. Diese Summe verringert sich je nach Verdienst immer weiter. Im Gegenzug würden alle Einkommen mit 40 Prozent versteuert werden, während gleichzeitig alle Sozialabgaben für Gehaltsempfänger wegfallen würden. 40 Prozent Einkommenssteuer, dies klingt für die meisten Arbeitnehmer wie ein Horrorszenario. Doch bereits heute zahlen 50 Prozent der Menschen keine Einkommenssteuer, da sie mit ihrem Einkommen unter der Grenze liegen ab der eine Steuer überhaupt fällig wird. Auch dies weiß man beim solidarischen Bürgergeld und verweist hierzu auf eine einfache Formel. Mit dieser kann man sehr schnell selber ausrechnen, welche Steuer beim eigenen Einkommen fällig würde.

40 Prozent Einkommenssteuer für alle? – ein Rechenbeispiel

Die zukünftige Steuer lässt sich über folgende Formel einfach berechnen.

Steuer = (Einkommen x 40 Prozent) – 600 Euro Bürgergeld.

Nach dieser Formel wären alle Einkommen bis 1.500 Euro steuerfrei. Wohlgemerkt bis 1.500 Euro nicht nur steuerfrei, sondern brutto gleich netto, da sämtliche Sozialabgaben entweder steuerfinanziert sind oder durch den Arbeitgeber beglichen werden. Das einzige was von den 1.500 Euro noch abgehen würde, wäre der Beitrag für die Krankenkasse in Höhe von 200 Euro. Für jedes Kind erhält man zusätzlich noch einmal 600 Euro. Davon werden wiederum 200 Euro für die Krankenkasse abgezogen, so dass 400 pro Kind als Grundeinkommen übrig blieben. Weitere Leistungen wie das heutige Kindergeld würden dann wegfallen. Für eine alleinerziehende Mutter mit einem Bruttoeinkommen von 1.200 Euro stände somit im Monat 1.920 Euro zu Verfügung. Die Kosten für die Krankenversicherung sind bei dieser Summe bereits abgezogen.

Wettkampf der Ideen – solidarisches Bürgergeld vs. bedingungsloses Grundeinkommen

Klingt doch alles prima. Doch kritische Stimmen gibt es genügend. Von nicht finanzierbar bis hin zu nicht machbar, reichen die Argumente. Herr Binkert kennt sie alle, weswegen er in seinem Vortrag auch gleich darauf hinweist, dies seien die klassischen Totschlagargumente. Denn das solidarische Bürgergeld ist bei genauer Betrachtung eine Mischung aus sämtlichen Ideen und Bewegungen, die in dieselbe Richtung zielen. Es besteht aus einem bedingungslosen Grundeinkommen, einer Negativsteuer und einer Bürgerversicherung. Alles Ideen die ebenfalls seit Jahren diskutiert werden.

Doch was ist nun der eigentliche Unterschied zwischen dem solidarischen Bürgergeld und dem geforderten bedingungslosen Grundeinkommen? Der Weg wie dieses finanziert werden soll. Das solidarische Bürgergeld setzt auch weiterhin auf eine Einkommenssteuer, während das bedingungslose Grundeinkommen a la Götz Werner gestaffelte Mehrwertsteuersätze vorsieht. Die Argumente aus beiden Lagern sprechen für und auch gegen sich. Und genauso viele Für- und Gegenargumente gibt es auf beiden Seiten. Die Ideen ähneln sich dafür umso mehr. Beide Systeme möchten die derzeitigen Sozialsysteme reformieren und haben erkannt, Hartz IV hat nicht das Ergebnis gebracht was man sich erhoffte. Oder mit den Worten von Herr Binkert: „Hartz IV ist keine Lösung“.

Und wie geht’s jetzt weiter?

Wo liegt dann das Problem, dass man sich immer noch über den Weg streitet? Nun ich glaube zum einem hängen die Ideengeber an ihren Ideen und möchten natürlich gerne, dass sie diejenigen sind die eine Reform in Deutschland in Gang setzten. Wenn Herr Werner über sein bedingungsloses Grundeinkommen spricht dann ist in diesen Vorträgen genauso viel Enthusiasmus zu spüren wie auch bei den Reden von Herrn Binkert. Ab und zu sucht man nach Kompromissen. Aber letztendlich will man nur die Menschen für sich gewinnen. Welche und ob eine solche Idee sich langfristig jedoch durchsetzen kann, steht in den Sternen. Doch auch die Ideen des Neoliberalismus klangen zum Beginn verlockend und scheiterten, wie auch die Ideen des Marxismus. Die Zeit wäre reif für ein neues Experiment. Und wer weiß, vielleicht erreichen wir mit dieser Idee endlich die Freiheit des Individuums, die seit der französischen Revolution in Europa lauthals gefordert wird.

Links: www.solidarisches-buergergeld.de

Bürgergeldrechner: www.solidarisches-buergergeld.de

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Kommentare (8)
  • avatarThomas Naumann  - Auf zum Wettbewerb der Ideen

    Hallo Ronny,
    Dein Freidenker-Blog im allgemeinen bekommt schon mal generell (m)ein großes Lob; die spezielle Berichterstattung zum Thema Reform der Sozialsysteme ein ausdrückliches: "Weiter so" und "mehr davon".
    Wo sind die Multiplikatoren? Wie kann man sich direkt beteiligen? Wer plant / initiiert Podiumsdiskussionen? Wie soll es gelingen, noch viel mehr "kritische Masse" zu mobilisieren, als es Susanne Wiest mit Ihren knapp 53.000 Befürwortern Ihrer Petition zum bedingungslosen Grundeinkommen gelungen ist? Wo wäre zum Beispiel die Möglichkeit gegeben, den Ideenwettstreit vielleicht sogar in akademischer und/oder publizistischer Art und Weise weiter voranzutreiben?
    Bitte nimm doch mal direkt Kontakt mit mir auf!
    Viele Grüße,
    TN

  • avatarRonald Blaschke  - Solidarisches Bürgergeld versus Grundeinkommen????

    Es gibt nicht den Gegensatz zwischen Solidarischem Bürgergeld und Grundeinkommen, der hier beschrieben wird. Es gibt vollkommen unterschiedliche Finanzierungsmodelle - vom Werner-Modell (Konsumsteuer), über DIE LINKE, KAB u.a. (Mischfinanzierung aus verschiedenen Steuern) und rein einkommensteuerfinanzierte Modelle. Der Unterschied zwischen dem Bürgergeld und dem Grundeinkommen besteht darin, dass das Bürgergeld für viele nicht die Existenz und Teilhabe sichert. Das soll aber das Grundeinkommen, sonst hat es nicht die ihm zugeschriebenen positiven Effekte. Das Bürgergeld ist ein partielles Grundeinkommen (so wird es auch von Hermann Binkert beschrieben), weil eben genau dieses Kriterium des Grundeinkommens nicht erfüllt. Hier eine Übersicht zu verschiedenen Grundsicherungs-/Grundeinkommensmodellen: http://www.grundeinkommen.de/08/06/2011/tabellarische-uebersicht-zu-den-grundeinkommensmodellen-aktualisiert.html
    Ronald Blaschke

  • avatarBGE-PRofi  - Mehrwertsteuer

    Ich empfehle den Leuten, die nicht genuau wissen wie das mit der Steuer funktioniert, einfach mal den Selbstversuch: Pommesbude aufzumachen. Dann Pommes verkaufen und Steuern zahlen. Oder Zahnpasta verkaufen, und Steuern zahlen, wie Herr Werner. Das würde ich auch dem Herrn Binkert empfehlen. Der könnte uns danach berichten wer "seine" Steuern bezahlt. nämlich stets der K O N S U M E N T

  • avatarJacob  - Ideenmischung?

    Der Kompromiss bei dem Bürgergeld scheint darin zu bestehen, dass man an die eigentlich überholte Einkommenssteuer noch Zugeständnisse macht, um politisch leichter Konsensfähigkeit zu erreichen. Ein weiterer Horizont für die Zukunft eröffnet sich eben durch die Idee der Konsumsteuer. Vermutlich wird Herr Binkert damit übereinstimmen, dass es sich hier vor allem um methodische Unterschiede handelt.
    Wer wirklich Enthusiasmus entwickelt, hat es nicht nötig, Menschen für sich zu gewinnen, sondern er wird sich einfach bemühen, die Ideen greifbar zu machen. Den Wettkampf muss dann jeder in seinem eigenen Herzen bewältigen.

  • avatarWolfgang  - Hallo Ronny

    Herr Binkert war vor ein paar Monaten auch hier in Hamburg, sehr erfrischend dieser Mann! Ich habe ihn auf die Konsumsteuer hin angesprochen. Er sagte, dass er ein Fan dieser Idee sei, nur den Bereich eben nicht vertreten kann, da er sich nicht genug darin eingearbeitet hat.
    Einen interessanten Beitrag zum Verständnis beider Ansätze
    ( Einkommensteuer/Konsumsteuer findet sich unter folgendem Link:

    http://www.grundeinkommen-hamburg.de/journal/impulse/upload/%202011-5-18%20Einkommens%20Vs_%20%20Konsumsteuer%20Endgültige%20Fassung%20Textversion-1.pdf

  • avatarHenrik Wittenberg  - Unterschied zwischen Idee und Modell

    Das Bedingungslose Grundeinkommen ist eine Idee, hinter der sich bestimmte wirtschaftliche Bürgerrechte verbergen:

    Das „Solidarisches Bürgergeld“ hingegen ist ein Modell unter vielen, wie man die Idee des BGE auch real umsetzten kann (600 Euro plus Bedürfnisprüfung für eventuelle Zuschläge würde man in die Rubrik „partielles Grundeinkommen“ einordnen).

    Das „Konsumsteuer-Modell“ von Götz Werner (zum jetzigem Zeitpunkt noch eher ein ungefähres Konzept) unterscheidet sich nicht nur durch seine Finanzierung vom Modell „Solidarisches Bürgergeld“

  • avatarRonny

    Ein dickes Dankeschön an die vielen Kommentare. Leider mussten einige länger auf die Aktivierung ihrer Kommentare warten. Dafür noch einmal ein sorry, aber irgendwann braucht man auch mal Urlaub ;)

    @Thomas Naumann: Was mich vor allem beeindruckte ist die Tatsache, dass in der Zwischenzeit das Thema bei allen Parteien angekommen ist. Man spürt, so geht es nicht weiter. Um mehr Menschen für das Thema zu entflammen hilft meiner Meinung nach aber nur eins, aktiv darüber sprechen. Dabei wird man viele Gegenargumente erhalten von „Sozialschmarotzer will ich nicht unterstützen“ bis „Dann geht doch keiner mehr arbeiten.“ Desto mehr man von diesen Gegenargumenten bekommt, desto sattelfester wird man selber in der Diskussion. Und wenn man mal nicht weiter weißt, hilft immer noch meine Lieblingsaussage „Interessantes Argument. Darüber muss ich erst mal nachdenken.“ ;)

    @ Ronald Blaschke: Danke für den weiterführenden Link. Könnten Sie aber genauer erklären warum das solidarische Bürgergeld nicht die Existenz und Teilhabe sichern kann? Ist dies nicht abhängig von der Höhe des solidarischen Bürgergelds?

    @BGE-Profi & Jacob: Zuerst war ich auch von der Idee von Götz Werner begeistert. Die Konsumsteuer, insbesondere die Idee einer gestaffelten Konsumsteuer klingt wirklich verlockend. Doch wo ist der Hasenfuss bei dieser Idee?

    Wenn man nur auf diese Steuer setzen würde, würde man langfristig das BGE in seiner Finanzierbarkeit gefährden. Eine zu lösende Aufgabe ist nämlich immer noch, wie man die automatische Umverteilung der Vermögen besser kontrolliert, um dadurch auch eine langfristige Finanzierung der gesellschaftlichen Bedürfnisse zu gewährleisten.

    Götz Werners Idee richtet sich direkt an Konsumenten, ignoriert dabei aber Besitzer von Vermögen, deren Vermögen auch weiter exponentiell wachsen, trotz übermäßigem Konsum.
    siehe dazu auch: http://www.ploync.de/geld/302-bedingungsloses-grundeinkommen-fuer-milliardaere.html

  • avatarWolfgang

    Ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen und habe auch Deinen Rechenweg für Milliardäre verfolg.
    Ein Aspekt, der bei der Konsumsteuer allerdings übersehen wird ist folgender:
    Durch die Konsumsteuer sinkt der Kreditbedarf der Gesellschaft. Das bedeutet längerfristig, dass niemand mehr das Geld des Milliardärs in dem heutigen Maße zur Finanzierung benötigt. Vielleicht spendet er ja einen größeren Teil seines Geldes....
    Warum dass so sein wird schau Dir den Link an, den ich oben (5.7.19:33) angegeben habe.

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