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Verrückte Welt? – Atomunglück in Japan, Geigerzähler in Deutschland ausverkauft!
Geschrieben von: Ronny Siegel   
Samstag, den 19. März 2011 um 10:59 Uhr

supergau-atomkraftwerk-miniVor wenigen Tagen lass ich in den Medien, die Geigerzähler in Deutschland wären ausverkauft. In den anschließenden Kommentaren belustigte sich ein Großteil der Kommentatoren über diesen Zustand. Mir ging es ähnlich. Wieso geraten gerade die Deutschen in einen Kaufrausch, obwohl sich das vermeintliche Unglück doch in Japan abspielte? Ein Zusammenhang erstellte sich mir nicht sofort. Doch dann sah ich die Doku „Die Wolke“ und auf einmal wurde mir klar, warum gerade in Deutschland der Ausverkauf der Geigerzähler so erfolgreich war.

Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst der radioaktiven Verseuchung. Niemand sieht sie, niemand hört sie, niemand riecht sie. Doch Radioaktivität wirkt sich direkt auf unser Erbgut aus. In einer unablässigen Tour wird unsere DNA von dieser Strahlung attackiert. Unser Körper hat dafür einen cleveren Abwehrmechanismus entwickelt. Sobald unsere DNA beschädigt ist, wird sie automatisch repariert. Diesem Zustand sind wir täglich ausgesetzt, ohne dass wir es mitbekommen. Ein Problem tritt erst dann auf, wenn die Strahlung einen Wert erreicht, bei der die Zerstörungsgeschwindigkeit die Reparaturgeschwindigkeit überflügelt. So geschehen 1986 in Tschernobyl.

Als sich 1986 das Unglück in Tschernobyl ereignete, lebte die Menschheit noch in einer ganz anderen Welt. Der Eiserne Vorhang teilte Europa in zwei Lager.  Aus der damaligen Sowjetunion drang keine Nachricht über das Unglück nach draußen. An das freie Internet war noch nicht zu denken. Als Erste schienen die Schweden etwas zu bemerken. Dort wurden Mitarbeiter  in den Atomkraftwerken beim Antritt ihrer Arbeit auf Strahlung gemessen. An diesem Tag schlugen die Zähler aus und man vermutete ein Leck im eigenen Atomkraftwerk. Schnell fand man heraus, die erhöhten Strahlungswerke stammten aber nicht aus dem eigenen Atomkraftwerk, sondern aus der 2.000 Kilometer entfernten Ukraine.

tschernobyl-tagesschau-29-04-1986

Eine ähnliche Situation existierte in Deutschland. Zwar wurde kurze Zeit später bestätigt, dass sich ein Unglück in der Sowjetunion ereignete, aber aufgrund der verhängten Nachrichtensperre der Sowjetunion, waren diese Informationen nicht ausreichend. Keiner wusste was da überhaupt auf einen zukam. Es dauerte nicht lange, bis man von einer radioaktiv verseuchten Wolke sprach, die sich langsam in Richtung Europa bewegte. Diesen Zustand konnte man nicht ändern. Doch es gab noch ein weiteres Problem. Die Unerfahrenheit der Politiker im Umgang mit dieser Situation.

Denn auch die Westdeutschen verhängten eine indirekte Nachrichtensperre über die ermittelten Daten, die durch das deutsche Wetteramt gemessen wurden. Die Daten wurden nicht freigegeben und der Bevölkerung wurde nur mitgeteilt, es bestehe kein Grund zur Panik. In Frankreich ging man sogar noch einen Schritt weiter und erklärte offiziell, die Wolke würde Frankreich nicht erreichen. Mit diesen Informationen wollten sich freie Wissenschaftler und Skeptiker nicht abspeisen lassen. Bereits damals fand ein Ausverkauf der Geigerzähler statt und man begann allerorts in der westlichen Welt mit eigenen Messungen. Die Ergebnisse standen in keinem Verhältnis zu den offiziellen Mitteilungen. 

tschernobyl-strahlung-dauer
Nur noch 409 Jahre bis man in Tschernobyl wieder gefahrlos wohnen kann. Das Foto wurde 2008 aufgenommen.

2011, 25 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl, dasselbe Desaster. Wieder tritt aus einem Kernkraftwerk etwas aus, was wir nicht sehen, hören oder riechen können. Diesmal ist die Bedrohung gleich dreifach vorhanden und wieder einmal ist der Umgang mit der Bedrohung ungewiss.  Aus Japan vernehmen wir in den heutigen Tagen nur, man versuche das Problem unter Kontrolle zu bekommen. Doch aufgrund  von 1986 scheint der Großteil der Bevölkerung diesen Angaben nicht zu trauen. Auch hierzulande nicht. Ein Indiz dafür ist der Ausverkauf der Geigerzähler. Die Ursachen für diesen scheinbaren Panikkauf liegen somit in der Informationspolitik von 1986. Denn seit 1986 kehrte sich auch das Verhältnis von Vertrauen in Misstrauen bei vielen Bundesbürgern. Glaubte man zuvor den Aussagen der Regierung, so änderte sich diese Situation nach Tschernobyl schlagartig. Das Verheimlichen von wichtigen Informationen, war schon immer eine Waffe, der sich die Mächtigen bedienten. Die Reaktion darauf sehen wir heute wieder live und in Farbe.

Wir wissen nicht was genau in Japan in diesen Tagen geschieht. Wir können den Informationen, die wir erhalten, nicht trauen. Wie wir mit der Situation umgehen sollen, weiß niemand. Doch wenn sich das Unglück von Japan auch hierzulande auswirken sollte,  kann man anhand der Messdaten darauf reagieren. Doch wer sollte diese  Daten liefern, wenn nicht wir?

Bildquellen flickr.com: Startbild by Swobodin, Tagesschaubild von status6, Strahlungsdauer Tschernobyl by dontcallmeikke

 
Kommentare (2)
  • avatarAlexander  - Naja, ob es so weit kommt...

    Auch als erklärter Gegner der Kernkraft (allerdings erst nach Tschernobyl geboren) halte ich diese Panik trotzdem für übertrieben. Die Wolke von Tschernobyl ist nicht nach Japan gekommen - warum sollte jetzt also plötzlich unglücklicherweise die Wolke zu uns kommen? Da müssten ja ganz seltsame Wetterbedingungen herrschen, die plötzlich dafür sorgen, dass die Partikel über Zehntausende Kilometer zu uns getrieben werden, um dann hier niederzugehen. Ich bezweifele, dass es in der Atmosphäre solche Luftströme gibt, darum bin ich für mich persönlich unbesorgt, durch die Katastrophe beeinträchtigt zu werden. Da fürchte ich mich schon eher vor der deutschen Atomindustrie...

  • avatarRonny - Redaktion  - Strahlenbelastung in Europa möglich?

    Die Frage ist berechtigt. Als allerdings die Amerikaner in den Siebzigern eine Wasserstoffbombe im südlichen Pazifik zündeten, konnte man diese Auswirkungen auch in Europa nachmessen.

    Ich würde nicht darauf vertrauen, dass eine erhöhte Strahlenbelastung ausschließlich durch eine ungünstige Wetterbedingung in Europa möglich ist. Ich denke eher, entscheidend für Auswirkungen in Europa ist die Frage, wenn es zu einer Explosion kommt, wie weit diese Explosion sich in der Atmosphäre ausbreitet. Desto höher, desto gefährlicher auch für Europa.

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