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Es ist Freitagabend. Die Sonne versinkt langsam am Horizont und vor mir sitzt Michael aus der Ukraine. Seit seinem 10. Lebensjahr lebt er schon in Deutschland. In der Zwischenzeit ist er 22 Jahre alt. Die Geschichten, welche er mir die letzten zwei Stunden erzählte, beinhalten lustige aber auch traurige Momente aus einer Zeit, in welcher er mehr Stunden das Flimmern eines Monitors sah, als das Sonnenlicht. Es war die Zeit, zu der er im Nachhinein sagt, dass er süchtig war. Süchtig nach dem Onlinespiel World of Warcraft.
Michael ist bekennender Computerspieler. Bereits in seinem Geburtsland der Ukraine kam er mit den ersten Konsolen in Berührung. Nintendo und Sega lauteten die Namen der Geräte, welche es ermöglichten, digitale Welten zu schaffen. Doch mit dem dauerhaften Umzug nach Deutschland und dem PC seines Vaters begann für ihn eine neue Ära. Immer öfters sah er seinem Vater beim Spielen zu, wie dieser mit dem PC Truppen bei „Commander und Conquer“ erschuf und vernichtete. Der Reiz, den die Maschine ausstrahlte, war unwiderstehlich. Später versuchte er es selber und tötete unzählige digitale Wesen in 3D Shootern und Strategiespielen. Mit der Veröffentlichung von Diablo kam er erstmals mit einem Rollenspiel in Berührung. Bis dahin lehnte er solche Spiele ab. Doch das Jagen nach Monstern und Sammeln wertvoller Gegenstände zog Michael in seinen Bann.
Es muss im November 2004 gewesen sein, als Michael von einem Freund angesprochen wurde. Dieser erzählte ihm von einem Spiel, welches man Online spielt und was im Warcraft Universum angesiedelt ist. Da Michael das Strategiespiel Warcraft 3 gut kannte, stimmte er der Idee seines Freundes zu, sich das Spiel einmal genauer anzusehen. Durch Zufall erhielt er über diesen auch noch einen Zugang zu der Beta des Spiels „World of Warcraft“. Nachdem er sich das erste Mal in das Spiel einlogte, war er sofort von der Größe der neuen Welt überwältigt. „Man benötigt cirka eine halbe Stunde um von obersten Ende eines Kontinents zum untersten Ende des Kontinents zu gelangen. Und dies mit dem schnellsten Reittier.“, so äußerte sich Michael heute zu den Ausdehnungen in World of Warcraft. In der Zwischenzeit und mit dem letzten AddOn gibt es vier dieser Kontinente, welche man bereisen und erkunden kann.
Bereist nach den ersten Stunden im Spiel war Michael infiziert. Das Killen von Monstern und sammeln von Gegenständen erinnerte zu stark an Diablo. Doch zusätzlich hielt die Welt noch weitere Überraschungen bereit, denn neben der Verbesserung seiner Figur konnte man auch noch individuelle Berufe erlernen. Michael entschied sich von Beginn an für eine Druidin der Elfen. „Für mich gab es damals nur ein Lebensmotto: Verbringe soviel Zeit wie möglich in WoW“ damit bringt Michael sein vergangenes Leben auf den Punkt. Seit den ersten Stunden in World of Warcraft versuchte er nach der Schule immer gleich nach Hause zu kommen. Anschließend ging der Rechner wie von alleine an. „Irgendwie schaltete ich das Gerät immer ein. Egal ob ich ihn gerade für Schularbeiten benötigte oder nicht. Danach war der Start von WoW nur noch ein Mausklick entfernt.“ In dieser Zeit verbrachte Michael mindestens fünf Stunden täglich in World of Warcraft. Wenn jedoch alles gut lief, konnten es auch schon einmal mehr als zehn Stunden sein und dann war für ihn die Welt in Ordnung.
Sein Abitur, für dies er ebenfalls zu diesem Zeitpunkt lernte, interessierte ihn immer weniger. „Statt Physik, lernte ich die Rezepte aus WoW. Nur leider gab es dafür keine Zensuren.“, erinnert sich Michael. Seine Eltern tolerierten seine Spielleidenschaft, denn schließlich konnte er in derselben Zeit nichts Schlimmeres anstellen.
Mit „Jagen und Sammeln“, was die hauptsächlichen Aufgaben in World of Warcraft sind, kann man noch lange nicht den Reiz des Spiels erklären. World of Warcraft ist mehr als dies. In WoW kommunizieren die Spieler aktiv miteinander und begeben sich gemeinsam in Abenteuer, im Spiel werden diese Instanz genannt. In solchen Dungeons, welche man mit mehreren Spielern erkundet, findet man jede Menge Monster und den Bossgegner, welcher immer einen interessanten Gegenstand dropt, beziehungsweise fallen lässt. Um einen solchen Kampf erfolgreich zu bewältigen, muss man sich in WoW jedoch organisieren.
Michael war selber aktiv in einer dieser Organisationen, die in WoW als Gilden bezeichnet werden. Viele dieser Gilden sind nur „Just for Fun“ Gilden. Man trifft sich, spricht sich kurz ab und macht sich dann gemeinsam auf den Weg zur nächsten Instanz. Profispieler, also diejenigen, welche sehr viel Zeit in WoW verbringen, sehen jedoch darin mehr als nur den Kick des nächsten Bossgegners. Sie organisieren solche Kämpfe so effektiv, dass ein Scheitern unmöglich ist. Damit dies funktioniert gibt es für jede Gilde einen Gildenmeister. Dieser managt die Gilde, verteilt Aufgaben vor den Eintritt in eine Instanz und sorgt dafür, dass genügend Manpower zum nächsten Gefecht bereit steht.
Für Michael hieß dies sieben Tage die Woche harte Arbeit. Als Druidin musste er, um in der Gilde weiterhin mitmischen zu dürfen, Mondsteine sammeln. Diese werden für Zaubertränke benötigt. Bekam er bis zur Schlacht nicht genügend Mondsteine zusammen, musste er WoW Gold ausgeben, um die Steine zu kaufen. Wer seine Aufgaben ordentlich erledigte und den Anweisungen des Gildenmeister folgte, erhielt dafür als Belohnung DKP-Punkte, ein Punktesystem was nicht von Blizzard entwickelt wurde, sondern eigenständig entstanden ist. Aufgrund dieser Punkte hatten Charaktere ein erhöhtes Anrecht auf Gegenstände, welche die Bossgegner fallen ließen, nachdem sie getötet wurden.
„Ein Bossgegner lässt im Durchschnitt 3 bis 4 Gegenstände fallen. Ist dann nur ein Gegenstand für einen Druiden dabei, aber es befinden sich zwei Druiden in der Gruppe, sorgte der Gildenmeister für die gerechte Aufteilung des Gegenstands.“, erklärt Michael. Wer bessere Gegenstände und Ausrüstungen besaß, wurde stärker und beliebter. Dies ging soweit, dass bei einem sehr gut ausgerüsteten Charakter, Anfragen von anderen Gilden kamen. Michael erhielt viele dieser Anfragen und er fühlte sich jedes Mal ein Stückchen größer. „Beliebt zu sein und etwas darzustellen, das war das Größte was man sich vorstellen konnte. Die Leute wollten wissen wer du bist und mit dir reden. Manchmal kam man sich vor wie ein Star.“
Für seine reellen Freunde wurde die Zeit immer knapper bemessen. Befand er sich in WoW, verging die Zeit so schnell, dass er regelmäßig Verabredungen einfach sausen ließ oder sich permanent verspätete. Schaffte er es doch einmal zu einen dieser Treffen, dann schnappte er sich einen Freund, von dem er wusste, dass auch dieser WoW spielte und besprach mit ihm den ganzen Abend neue Strategien. „Es ging soweit, dass Mädchen versuchten uns anzutörnen, nur damit wir mal über etwas anderes sprachen. Sie begannen damit sich auf unseren Schoss zu setzen und sich an uns zu reiben, jedoch ohne Erfolg. WoW war für uns interessanter als jeder Körperkontakt.“
Wenn Michael heute auf diese Zeit zurückblickt, kann er nur mit dem Kopf schütteln. „Was ich mir hab damals entgehen lassen, kann man nicht in Worte fassen. Doch zum Glück hielten meine Freunde immer zu mir.“
Irgendwann war es soweit. Seine Eltern wollten raus aus der alten Wohnung, welche Sie und Michael bewohnten. Für Michael stürzte schon damals eine Welt zusammen. Dass dies nur indirekt mit dem Umzug zusammenhing, erklärte er wie folgt. „Mir war bekannt, dass es in der neuen Wohnung kein DSL-Anschluss geben würde. Zwar teilte uns der Provider mit, dass man daran arbeitete, doch ist in den nächsten Wochen nicht damit zu rechnen.“ Bis zum Schluss, saß er vor seinem Rechner in der alten Wohnung und verbrachte seine Zeit in WoW. „Am Ende gab es in der Wohnung nur noch eine Matratze, meinen PC und mich. Meine Eltern mussten mich förmlich aus der Wohnung rausprügeln und ich denke, damals merkten sie das Erste mal, dass irgendetwas nicht stimmte.“ Mehrere Tage vergrub sich Michael daraufhin in sein Kopfkissen und wässerte dies mit seinen Tränen. „Es war wie als ob meine erste Freundin mit mir Schluss gemacht hätte. Ich konnte einfach nichts mehr außer heulen. Ich vermisste die Startmusik von WoW, welche mir immer ein gutes Gefühl gab. Ich vermisste die Gilde, mit der ich soviel Zeit verbrachte. Doch am Meisten vermisste ich meine Druidin und fragte mich immer, was diese ohne mich jetzt anstellen sollte.“
Drei Monate später kam dann endlich die Mitteilung des Providers, dass jetzt ein DSL Anschluss möglich wäre. Zu spät für Michael. In der Zwischenzeit hatte er sich komplett aus WoW verabschiedet und sich anderen Dingen zugewandt. An dem Tag an den er das erste Mal seit seinem Umzug wieder in das Universum eintauchte, begann er damit, aktiv darüber nachzudenken was er jetzt mit seinem Charakter unternehmen möchte. Zum Schluss verkaufte er ihn und den Key für die Beta von „Burning of Crussade“ für 230 Euro bei Ebay. „Viele WoW Spieler denken, dass man mit dem Spiel Geld verdienen kann. Man puscht seinen Charakter nach oben und verkauft diesen anschließend. Wenn ich jedoch sehe, dass ich nur sowenig Geld für einen Top-Charakter bekam und mir hochrechne wie viel Zeit ich in WoW verbrachte, war dies für mich ein Minusgeschäft.“
Zurückblickend erinnert sich Michael jedoch auch an ein paar witzige Episoden aus seiner aktiven Spielerzeit. „Da war dieses Mädchen, eine Freundin von einem Freund von mir. Da dieser auch aktiv WoW spielte und immer mit mir darüber sprach, wurde sie neugierig und legte sich einen Account zu. Anschließend nutzte sie WoW als Chatplattform. Ihr Charakter war so miserabel entwickelt, dass man nur darüber schmunzeln konnte. Aber sie störte dies wenig, denn schließlich gab es genügend Menschen mit denen man sich unterhalten konnte.“
„Ich erinnere mich ebenfalls an Abende an denen ich einfach nur vor WoW saß, um mit anderen Spielern zu chatten. Ein paar mal geschah es, dass bei anderen Spielern, wie bei mir, nebenbei der Fernseher lief und man dasselbe Programm sah. Dann redete man über das, was da gerade über den Bildschirm flimmerte. Anschließend öffnete man ein Bier und stieß über den Chat miteinander an. Mir kam es manchmal so vor, als ob ich in einer Kneipe sitzen würde.“
Doch das Verrückteste was Michael in WoW erlebte, war eine Liebeserklärung. „Da ich immer einen weiblichen Charakter spielte, gab es immer mal wieder eine nette Message über das WoW System. Einmal sprach mich jemand an und sagte mir, dass ich die hübscheste Elfin in World of Warcraft sei und ob ich nicht Lust hätte mich mit ihm zu treffen, natürlich in der Realität. Er ging echt davon aus, dass ich auch in Wirklichkeit ein Mädchen wäre. Als Bekundung seines Interesses an mir, schenkte er mir sogar eine seltene Blume aus WoW. Ich musste mir damals wirklich etwas einfallen lassen und lies ihn über ein Gildenmitglied ausrichten, dass ich kein Interesse hätte.“
Wenn man Michael heute sieht, würde man nicht vermuten, dass er einmal so tief im World of Warcraft Universum eingetaucht war. Doch laut seinen Aussagen hinterließ WoW seine Spuren. „Ein Teil der Sprache, wie man sie in WoW täglich benutzt, ist in meinen aktiven Wortschatz eingeflossen. So verwende ich heute noch typische Abkürzungen wie KP oder LOL, was dann immer für verständnislose Blicke bei den Erwachsenen sorgt.“ Auf meine Frage ob er es jemals wieder versuchte, in WoW erneut Fuß zu fassen, nickte er nur. „Nachdem das erste AddOn erschien, stürmte ich in den Laden und wollte unbedingt wissen was einen da erwartet. Doch schon nach wenigen Minuten schaltete ich den Rechner wieder aus. Für mich war der Reiz, welchen das Spiel auf mich anfänglich ausstrahlte, für alle Zeit verflogen.“
Heute geht Michael mit dieser Zeit sehr locker um. Er war süchtig, dass behauptet er zu mindestens. Ob dies auch zukünftig mit einem anderen Spiel geschehen könnte, darüber muss Michael nur schmunzeln. „Solange meine Freundin mir die Leviden liest und mir beweist, dass das reelle Leben viel schönere Spiele zu bieten hat, mach ich mir darüber keine Sorgen. Und wie es zurzeit aussieht, werden noch viele sorgenfreie Jahre ins Land ziehen.“
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Kompiment, habe gerade diesen Artikel gelesen, nachdem bei spiegelonline alles so langweilig war...
Gruß
Lars aus F