Momo – ein reelles Märchen für Kinder und Erwachsene und die Frage „Was ist Zeit?“

momo-michael-ende-miniWie oft hört man heute Sätze, wie „Wir müssen effektiver sein und Zeit sparen.“ Ich bin selber auch nicht frei von solchen Gedanken. Zu häufig hörte ich diese Worte in meiner Vergangenheit und ein Teil davon ist ins Blut übergegangen, ohne nach dem „Warum“ zu fragen. Es gibt ein Buch, ein Kinderbuch welches sich diesem Thema widmet. Und aus meinem Bekanntenkreis erfuhr ich, viele kennen das Buch, aber nur wenige haben es gelesen. Das Buch handelt von dem Mädchen „Momo“ und den Zeitdieben. Und auch wenn die Geschichte bereits ein paar Jahre auf dem Buckel hat, ist sie aktueller denn je.  Denn solange Sprüche wie „Zeit ist Geld“ in unsern Köpfen herumspucken, sind wir selber Gefangene der Zeitdiebe.


Momo verliert ihre Freunde, weil dies Zeit sparen wollen

Was Momo in dem gleichnamigen Buch erlebt, lenkte meine Aufmerksamkeit wieder einmal in eine ganz bestimmte Richtung. Momo sieht wie Zeitdiebe ihren Freunden eine Vision verkaufen, wie sie zukünftig Zeit sparen könnten und diese mit Zinsen bei Ihnen auf der Zeitsparkasse anlegen können. Sie spielen dabei mit Zahlen, großen Zahlen und rechnen vor, welchen Gewinn man mit der ersparten Zeit erzielen könnte. Viele der Freunde von Momo, im Besonderen die Erwachsenen unter ihnen, fallen auf diese Versprechungen herein und beginnen damit Zeit zu sparen. Vormals so glückserfüllende Momente, wie die Gespräche mit Momo, erspart man sich, da man mit diesen Gesprächen kein Geld verdienen kann und damit nur Zeit verschwendet. Was sie dabei nicht bemerken ist, dass sie immer unglücklicher werden.

Die letzten Freunde die Momo bleiben und von denen es immer mehr werden, sind die Kinder. Weil ihre Eltern mit Zeit sparen beschäftigt sind, bekommen viele von ihnen immer neue Spielzeuge geschenkt. Doch problematisch ist nur, mit den meisten Spielzeugen kann man gar nicht spielen. Quietschende Autos, sprechende Puppen und komische elektronische Spiele zählen dazu. Was die Kinder vermissen ist die blühende Fantasie, mit der sie sich selber früher Spiele ausdachten. Momo ist die letzte Person, die diese alten Spiele noch kennt und sich Zeit für die Kinder nimmt. Doch den Zeitdieben ist Momo ein Dorn im Auge und sie versuchen das Mädchen ruhig zu stellen.

Eine offene Kritik an der Gesellschaft

Die Geschichte von Momo, welche sich in erster Linie an Kinder wendet, ist für mich eine Gesellschaftskritik auf hohem Niveau. Den Begriff Zeit kann man an den meisten Stellen durch den Begriff Geld ersetzen. Die Sparwut der Zeitsparer erinnert an die Gier von Menschen, die nicht genug bekommen können. Opfer sind die Menschen und im Besonderen die Kinder, denen immer mehr die notwendige menschliche Nähe entzogen wird. Blickt man sich in unserer Gesellschaft um, sieht man die direkten Auswirkungen von der uns suggerierten „Zeitersparnis“. Auswirkungen die auch im Buch angesprochen werden.

Das Kinderbuch „Momo“ ist eines der beeindruckenden Kinderbücher, die es heute gibt. Es ist ein Spiegel unserer Zeit, dem Umgang mit unseren Mitmenschen und eine offene Kritik an der zu Tage tretenden Kälte, die vielerorts herrscht. Wer das Buch noch nicht gelesen hat, dem kann ich dies nur empfehlen. Wer es vor Jahren mal las, auch dem sei empfohlen es noch einmal in die Hände zu nehmen. Eltern empfehle ich dieses Buch für ihre Kinder allemal. Doch wenn man unbequeme Fragen vermeiden möchte, sollte man das Buch gemeinsam mit seinen Kindern lesen. So manche nachdenkliche Frage wird auch während dieser gemeinsam verbrachten Zeit auftreten.

6 Gedanken zu “Momo – ein reelles Märchen für Kinder und Erwachsene und die Frage „Was ist Zeit?“

  1. Je intensiver ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich der Auffassung, dass Zeit für uns eigentlich gar nicht messbar ist. Die Natur hat uns mit allen Sinnen ausgestattet, die wir für unser Leben brauchen. Warum war da also kein Uhrsinn dabei? Und warum brauchen wir dafür erst ein Werkzeug, was versucht über die physikalischen Abläufe in unserem Universum eine Zeit zu bestimmen, wenn aber kein menschlicher Verstand überprüfen kann, ob diese Abläufe tatsächlich gleichmäßig verlaufen?

    Zeit ist relativ und jeder Mensch empfindet sie deshalb anders. Nicht nur in deren Skale sondern auch ihrer Verbildlichung. Für die einen ist die Zeit z.B. das halbvolle Glas, das demjenigen ständig vor Augen hält, wieviel Platz noch bleibt, um sein Leben auszufüllen. Und für die anderen ist es eher der Weihnachtsmannsack, bei dem man nie weiss, wie viel noch drin steckt und wie groß das Geschenk ist, was man als nächstes rauszieht. :)

    Wie auch immer dieses Gefäß aussehen mag, es ist natürlich in eurem Besitz. Ihr könnt also bestimmen, wie ihr eure Zeit verbringt. Zeit kann man teilen (mit Freunden), aufwerten (in dem man sie mit Dingen füllt) und erleben (in dem man sie bewusst wahr nimmt). Nur Zeit zu messen und zu vergleichen (Geld – Stundensatz, Karriere – Werdegang von anderen etc.), ist unmöglich.

    In diesem Sinne
    Take your time :)

  2. Dieser Irrsinn des Begriffs „Zeitsparen“ sollte man sich zudem vor Augen halten. Wie soll dies funktionieren? Ist dieser Begriff überhaupt sinnvoll? Denn „Sparen“ ist doch letztendlich ein Vorgang, bei dem man heute auf etwas verzichtet um zukünftig davon mehr zu besitzen. Wie soll dies aber bei Zeit funktionieren? Wie können wir Zeit sparen?

    Wie Torsten bereits bemerkte, die Zeit läuft beständig weiter. Wir können somit nur täglich und stündlich darüber entscheiden was wir mit dieser Zeit anfangen möchten. Wollen wir uns in dieser Zeit mit Dingen beschäftigen die uns ärgern? Oder wollen wir die Zeit für die Dinge nutzen die uns Freude bereiten.

  3. Hey Ronny,

    der Text gefällt mir sehr gut.

    Eine kleine Korrektur aus meiner Sicht:

    Ich finde schon das man Zeit sparen kann. Durch
    Technologie. Man kann den Begriff "Zeit sparen" auch durch "schneller erldigt" ersetzen. Dagegen ist aus meiner Sicht erst einmal vom Grundsatz her nichts einzuwenden.

    Die Frage ist, was man mit der gewonnen Zeit, die nicht zur Deckung der natürlichen Bedürfnisse benötigt wird,
    anfängt. Heute: Die gewonnene Zeit genutzt um noch mehr Zeit zu sparen respektive Geld zu scheffeln.

  4. Ich gehe aber mal davon aus, ein Großteil er Menschen wissen überhaupt nicht was mit solchen Begriffen gemeint ist. Viele werden sicherlich dass damit meinen, was auch du dir darunter vorstellst. Also die verwendete Zeit für eine Arbeit, zu verkürzen.

    Doch auch dann ist der Begriff „Zeit sparen“ falsch besetzt. Es müsste dann eher lauten „Zeit einsparen“, denn damit ist in der Tat gemeint, etwas nicht zu nutzen obwohl man es nutzen könnte, ohne darauf später zurückgreifen zu können.

  5. Sehr scharfsinnig mit dem "einsparen". Stimmt genau.

    Es ist eben ähnlich wie mit "Angebot" und gemeint ist "Sonderangebot".

    Die Sprache verändert sich und man sollte das einfach akzeptieren. Das Beispiel oben fällt mir immer wieder ein, weil ich 1990 anfangs von der Verwendung des Wortes "Angebot" verwirrt war.

    Ich unterstelle einfach einmal, das, egal ob man "sparen" oder "einsparen" verwendet, in der Regel in diesem Zusammenhang an ein schnelleres Erledigen von Arbeiten denkt, um sich nach Fertigstellung einer Tätigkeit, neuen Aufgaben zuzuwenden. Ohne diese neuen
    Aufgaben und den Zweck warum man Sie ausführt, hinreichend zu reflektieren.

    • Vielleicht verbirgt sich dahinter aber auch eine unbewusste Manipulation mit Hilfe der deutschen Sprache. Wenn ich vom „Sparen“ spreche, einerseits aber das „Sparen“ im klassischen Sinne und andererseits das „Einsparen“ meine, kann ich dadurch dazu beitragen, für eine gewisse Verwirrung zu sorgen. Denn wie es dir ergangen ist, ist man erst einmal mit dem Begriff und nicht mehr mit Handlung beschäftigt.

      Wenn ich somit mit jemanden darüber spreche, „Ich kann ihnen dabei helfen Zeit zu sparen“ ist der Begriff des „Sparen“ positiv belegt, da „Sparen“ in unsere Gesellschaft bedeutet, am Ende von etwas mehr zu besitzen. Da wir aber von Zeit sprechen, kann man nicht von „Sparen“ sprechen, sondern nur davon, wie man seine Lebenszeit besser verbringen kann. Oder wie du schon treffend bemerktest, „Was stelle ich mit der Zeit an, die ich nicht benötige um meine natürlichen Bedürfnisse (damit sind meistens die Grundbedürfnisse gemeint) zu befriedigen.“

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