| Extrem preiswerte Wundertüte: Die Deutsche Bahn |
| Geschrieben von: Jens |
| Dienstag, den 15. Juni 2010 um 05:06 Uhr |
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Die Reise unserer kleinen revolutionären Zelle nach Berlin (Ploync berichtete gestern) zur groß angekündigten Super-Anti Großdemonstration (Anmerkung der Redaktion: eine Veranstaltung der Anhänger des sogenannten "Antikult“, einer Bewegung die die Entfaltung eines möglichst großen Protestpotentials bei kleinstmöglicher Anstrengung des Hirns ermöglicht), sollte standesgemäß per Bahn erfolgen. Nicht nur ob des erhofften Spaßes wegen. Auch war uns das Reisen per Bundesautobahn ohnehin nur noch vergällte Zwangsmaßnahme, da es schon eines merkwürdigen Geschmackes bedarf, stupides Dahinfahren auf einem abwechslungslosen Betonband, von zahlreichen Wagenlenkern zur Ihrer persönlichen „Indy 500“ Strecke erkoren, als vergnügliche Samstagmorgenunterhaltung zu betrachten. Der Schienenstrang war also erste Wahl. Aus der Vielzahl der konkurrierenden Bahnunternehmen entschieden wir uns für den Marktführer „Deutsche Bahn“. Eine Entscheidung die wir nicht bereuten. Der Fahrkartenkauf Bekanntlich führte die Deutsche Bahn, rechtmäßige Nachfolgeorganistation der Deutschen Reichsbahn, vor vielen Jahren einmal das Wochenendticket ein. Dunkel erinnerte auch ich mich daran. Die Parole war: Viele Menschen reisen für wenig Deutsche Mark durch ganz Deutschland. Ich hoffte, dieses Geschenk des mit Steuergeldern über Jahrzehnte aufgebauten und nun per Aktien vor dem Wiederverkauf an die Bevölkerung stehenden Unternehmens, gelte immer noch. Ich irrte nicht. Immer noch reisen viele Menschen, für deutlich mehr Euros und nur noch einem statt zwei Tagen Geltungsdauer (Warum heißt dass Ding dann eigentlich noch Wochenendticket?), durch ganz Deutschland. Per Bummelzug bzw. korrekt Personenzug. Der alte Reichsbahn Personenzug trägt mittlerweile vertrauenerweckende und zeitgemäße Namen wie Regionalexpress und Regionalbahn. Risikofreier Kauf der korrekten Fahrkarte, so war mir geläufig, ist nur noch an großen Bahnhöfen möglich. Ob ich diese Spezialofferte des Herrschers über die deutschen Schienenstränge also an einem kleinen Dresdner S-Bahnhof erhielt, wagte ich zu bezweifeln. Also ab ins Internet. Recht passabel gemacht die Angelegenheit. Zugverbindungen findet man in der Tat schnell. Dumm nur, dass ein unbekanntem höheren Zweck dienender Mechanismus, mich nach relativ kurzer Inaktivität immer wieder sehr hartnäckig aus dem Bestellvorgang katapultierte. Deshalb der Hinweis an alle potentiellen Bahnfahrer: Schnell durch das Angebot klicken und nicht zu lange nachdenken, was man kauft und wohin man will. Trotzdem hatte ich schon nach 45 Minuten, die Registrierung als Nutzer von bahn.de eingerechnet, meine blitzsaubere Onlinefahrkarte. Reick Abfahrt S-Bahnhof Reick war 6:53 Uhr. Unsere Tour beinhaltete drei mal umsteigen. Das störte alle Beteiligten wenig. War allerdings für die kurze Strecke nach Berlin schon ungewöhnlich viel. Umso unmöglicher erschien es mir, das unser Zug zwischen Dresden und Elsterwerda mit Sitzplatzproblemen zu kämpfen haben sollte. Wer fährt um diese Zeit, zum Samstag morgen, schon mit einem Bummelzug Richtung sächsisch – brandenburgische Einsamkeit? Weit gefehlt verehrte Leserschaft. Sardinenbüchse war angesagt. Fette Beute für die Deutsche Bahn. Die auch justament ihre Kondukteurin durch die vor Menschen überquellenden Waggons sendete. Ihr locker vorgetragenes Witzchen zur europäischen Finanzkrise amüsierte uns auf's Allerköstlichste. Wenn die Anekdote auch inhaltlich von wenig Sachkenntnis zeugte, dürfte die Bahn mit solcherlei kundenorientierten Angestellten, die Herzen aller Bild Leser im Sturm erobern. Das Leben ist hart Kurz hinter Dresden mussten auch wir unsere Mehrpersonenbank, trotz der provokativ abweisend vor uns hergeschaukelten Aldi-Plastikbierflaschen, mit einem älteren Paar teilen. Doch unser zur Schau gestellter Alkoholkonsum brachte uns in den Genuss einer höchst erfreulichen Reisebegeleitung, die sich von biertrinkenden Neorevoluzzern offensichtlich nicht abschrecken lies. Nachdem auch der mitgebrachte Pekinese in seinem Körbchen standsicher Platz gefunden hatte, klärte uns der männliche Part der Familie auf. Er war Bahnmitarbeiter und seine Worte kündeten von Sachkenntnis. Seitdem unser Reiseunternehmen No. 1 für die Börse und die internationale Finanzwelt aufgehübscht wird, ist das Arbeiten im ehemaligen Staatsbetrieb so ganz und gar nicht mehr lustig. Die Mitarbeiter werden ausgequetscht wie die sprichwörtliche Zitrone. Mehrfachschichten sind an der Tagesordnung. Teils finden viele Bahnangestellte nicht einmal mehr Zeit für 8h Schlaf zwischen 2 Arbeitstagen. Ein Mitarbeiter bedient Computerpulte mit mehreren Displays, die kaum noch zu überschauen sind. Treten Pannen oder Havarien ein, so konnte man früher über freie Notkapazitäten verfügen, die ein schnelles Reagieren ermöglichten. Reserven existieren heute jedoch weder für rollendes Material, noch für Lokführer. Alles wird bis an die Belastungsgrenze ausgenutzt und verschlissen. Denke ich an die Zustände bei der Berliner S-Bahn und die immer wieder auftretenden Pannen beim Flagschiff ICE, erschienen mir die Erzählungen des Mannes keinesfalls unglaubhaft. Beispielhaft nannte er auch unseren Zug. Meine Verwunderung über dessen gute Auslastung zum Ausdruck bringend, erklärte mir der aufgeschlossene und freundliche Herr, dass dies Normalzustand sei. Die Bahn fährt bis Elsterwerda mit nur 2 Waggons. Es gibt schlicht und ergreifend zu wenige davon in Sachsen. Das Wunder von Rangsdorf Zum Bahnhof Elsterwerda lässt sich nicht viel sagen. Außer das wir jetzt, wie in den guten alten kleinstaatlichen Länderbahnzeiten, in die Eisenbahnhoheit Brandenburgs übergeben wurden. Was sich sofort positiv bemerkbar machte. Endlich wurde ein Zug mit ausreichend Waggons zur Verfügung gestellt. Offensichtlich gilt in Brandenburg noch nicht die profitmaximierende Devise, dass möglichst viele Menschen auf einen Quadratmeter Waggonfläche zu pressen sind. Die aus Dresden und Umgebung angereisten Massen, einschließlich einer Attac Gruppe, ergossen sich in den ungewohnt großzügig dimensionierten Zug. Ein mitreisender Weltenbummler erfasste zufällig unser Gespräch über die irische Insel und verkürzte uns die Fahrt mit seiner umfangreichen Bildersammlung ein wenig. So merkte ich kaum, dass wir schon an unserem nächsten Umsteigepunkt angelangt waren. Rangsdorf bei Berlin hieß das neckische Örtchen. Meine Neugier auf diesen Bahnhof war groß. Hatte mir doch meine Fahrkarte verraten, dass wir hier von Bahnsteig 24(!) weiter befördert würden. Wow, die 10.000 Einwohner Gemeinde hat mehr Geleise, als der Hauptbahnhof der sächsischen Landeshauptstadt. Der Schildbürgerstreich der Deutschen Bahn war schnell aufgeklärt. Als wir unseren Express verließen, befanden wir uns auf Bahnsteig Numero 4. Aha. Wir mussten uns noch nicht einmal einen Schritt bewegen denn, welch Wunder, wir befanden uns auch gleichzeitig auf Bahnsteig Nummer 24. Doch das Beste ist, mehr Bahnsteige existierten in Rangsdorf auch nicht. Ein Schildbürgerstreich oder wollte sich die kleine brandenburgische Gemeinde mit dieser Nummerierung in die Top Ten der deutschen Bahnhöfe befördern? Donkin Donuts und die Globalisierungsgegner Am Alex angekommen, entdeckte ich unmittelbar eine Filiale der amerikanischen Gebäckkette „Donkin Donuts“. Ja ich gestehe: Mein Herz machte Freudensprünge. Da mir diese höchst ungesunde überseeische Leckerei sehr zusagt, dirigierte ich unsere kleine Reisegruppe geschwinden Schrittes zur örtlichen Filiale. Voll Neid stellte ich wieder einmal fest, dass einige kulinarische Entwicklungen nach wie vor konsequent an unserer sächsischen Welthauptstadt des Barock vorüber ziehen. Das dachte sich offensichtlich auch die mit uns angereiste Gruppe Dresdner Hardcore Globalisierungsgegner. Glauben Sie mir, die Jungs sahen echt gefährlich aus. Keinen von ihnen wollte ich des Nachts, vielleicht gar mit der falschen ideologischen Munition gerüstet, allein begegnen. Doch die süße Versuchung des Klassenfeindes schien Hass sofort in reinste Verzückung aufzulösen. Die Macht der Gier und des Hungers. Wie hübsch es ist, Ihre Wirkung zu beobachten. Wie wolllüstig sich die kampfgestählten Jungs und Mädels doch mit höchsten Wonnen, an den ungesunden warmen Teiglingen aus dem Herzland ihres Erzfeindes labten. Rückreise: Die Tierärztin, Linke vom Lande und der Bruder des Polizisten Wir waren nun doch etwas geschafft vom vielen Laufen und der ganzen hochkomplexen Ideologie. Froh wieder im Zuge Richtung Dresden zu sitzen, ergab sich erneut ein Gespräch mit einer symphatischen Mitreisenden. Die junge Tierärztin arbeitet in verschiedenen Berliner Praxen. Auch sie war in weiterem Sinne Leidtragende des globalisierten Kapitalismus. Erzählte von den aufreibenden Diskussionen um Geld die sie mit Kunden führen muß und den täglichen Problemen der Arbeit. Tja, irgendwie schließt sich am Ende der Kreis. Nur leider wird sich so lange nichts an all den kleinen und großen beklagenswerten Zuständen ändern, so lange die einzigste Kraft des Widerstandes in der Republik, ideologisch verblendete „Antis“ sind. Auf dem Rückweg mussten wir in Zossen umsteigen. Nicht viel mehr als ein Bahnsteig. Das bemerkenswerteste dieser Station war der angeschlossene Draisinenverleih, mit dem man ein Stück nicht mehr benutztes Gleis befahren kann. Sicherlich ein feiner Spaß. Im Regen auf unseren Anschlusszug wartend, beobachteten wir gegenüber das Eintreffen einer Reihe von Polizeiwagen. Was auch nicht verwunderlich war. Denn in Zossen hatten es sich die lokalen „Antis“ vorgenommen, den großen Berliner Vorbildern nachzueifern. Und so veranstalteten die Provinzautonomen ihre eigene Protestkundgebung. Volles Programm wurde geboten. Klein Berlin sozusagen. Hohle Parolen, laute Musik und das rufen nach Karl Marx gehörten auch hier zum Pflichtprogramm. Gott mit Euch, Ihr nichtsehenden tapferen Streiter fürs Ewiggestrige. Wir befürchteten schon eine Eskalation am Rande der Veranstaltung, als uns ein leicht betrunkener Mitreisender aus dem Ort aufklärte. Sein Halbbruder ist bei der Bullerei in Berlin. Man bräuchte keine Angst haben. So schnell dürfen die gar nicht schießen. Erst vier mal rufen. Und Feuer eröffnen ist sowieso nur erlaubt, wenn die Ordnungshüter von den Übeltätern zuerst unter Beschuss genommen werden. Derart beruhigt konnten wir uns weiter am Kasperletheater auf der anderen Seite der Geleise erfreuen. Und in aller Ruhe unseren Zug nach Dresden besteigen Deutschland 2010 Soll ich ein Fazit ziehen, so kann ich jeden nur empfehlen, seinen Geist zu öffnen und wieder einmal mit der Bahn zu reisen. Wir hatten an diesem Samstag einen Riesenspaß mit unseren Mitreisenden und all den mehr oder minder skurillen Typen, denen wir begegneten. Die hier nicht vollständig genannt sind. Wenn die Bahn und wir alle als Menschen uns bemühen, es wollen, könnte die Bahn mehr als nur eine Alternative zum Individualverkehr werden. Ein Kontaktmedium, Ort des Gedankenaustausches, Schmelztiegel, Informationsplattform, Ort der Besinnung, der Entdeckungen. Sie könnte unser Leben Entschleunigen, angenehmer machen. Das im echten, nichtvirtuellem Raum. Und noch viel mehr. Könnte sie. Wir müssten nur wollen. Bildquelle Startbild: Flickr.com by fliko9978 |
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Hallo Jens,
wieder ein gelungener Bericht. Gerne werde ich wieder Bahn fahren, allein wegen der interessanten
Bekanntschaften. Das www. scheint dagegen langweilig, denn es geht nichts über den persönlichen Kontakt zwischen den Menschen.
Beste Grüße
Christine