| Guedelon in Frankreich oder wie baute man eine Burg im Mittelalter |
| Geschrieben von: Ronny Siegel |
| Montag, den 08. August 2011 um 00:00 Uhr |
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In Guedelon erlebt man am lebenden Beispiel wie es gewesen sein muss als unsere Vorfahren auf die Idee kamen, aus Lehm, Burgen zu errichten. Die Bauzeit der neuen Burg in Guedelon ist mit 25 Jahren angesetzt. Der Grund für diese lange Bauzeit ist, die Burg soll nur mit den Methoden erbaut werden die auch im 13. Jahrhundert existierten. Einzig die Schutzhandschuhe, die Atemschutzmasken und hier und da ein paar Plastikschläuche zeugen davon, ich befinde mich immer noch im 21. Jahrhundert.
Menschliche Hamster in einem Laufrad – ein Kran aus dem 13. JahrhundertDer Kran auf der Baustelle entspricht seinen Verwandten aus dem 13. Jahrhundert. Angetrieben wird dieser durch Muskelkraft. In zwei Rädern, die an überdimensionale Hamsterräder erinnern, können zwei Menschen den Kran bewegen. Ein Dritter sorgt dafür, dass der Kran geschwenkt und notfalls auch blockiert werden kann. Unterhalb des Krans brüllen ein paar Jungs zu den menschlichen Hamstern „plus vite“ hinauf. Sie scheinen ihren Spaß zu haben, während die Beiden im Kran sich an den Mittelsteg klammern.
Gleich neben der Burg befindet sich ein Steinbruch. Steinmetze bearbeiten unweit davon die heraus gebrochenen Steine mit Hammer und Meißel. Immer wieder blickt der Steinmetz auf. Obwohl sich die Sonne heute nur zögerlich zeigt, läuft ihm der Schweiß von der Stirn. Wie lange man wohl dafür benötigt, einen dieser Steine in die richtige Form zu bringen?
Baumstammsägen für die nächste Hochzeit? – Nicht in GuedelonNicht anders ergeht es den beiden Holzfällern, die hinter der Burg gleich neben dem Wald ihr Domizil aufgeschlagen haben. Mit kräftigen Bewegungen zersägen sie einen Baumstamm. Dunkel entsinne ich mich, ein ähnliches Spektakel erlebt man hierzulande auch zu Hochzeiten, nur mit dem Unterschied, nach einem Baumstamm ist das Spektakel vorbei. Hier scheint es jedoch noch ein paar Stunden weiterzugehen, denn ein Helfer hebt bereits den nächsten Baumstamm auf einen der selbstgezimmerten Holzböcke.
Überhaupt findet man auf der Baustelle nur selten Eisenverbindungen. Kein Wunder, denn Eisen wurde zu dieser Zeit nur für die Dinge eingesetzt wo es unumgänglich war. Vor allem Werkzeuge wurden aus Eisen hergestellt. Die Brücke, über die man in die Burg gelangt, ist aus diesem Grund auch mit Holznägeln befestigt. Bisher hielt sie dem Besuchern und den tobenden Kindern stand. Und ich gehe davon aus, dies wird auch noch in den nächsten Jahrzehnten der Fall sein.
Skandal! - Verzögern Kinder den Bau der Burg von Guedelon?Ob die Burg in Guedelon jedoch bis 2023 wie geplant fertig wird, darf man heute schon bezweifeln. Schließlich verbringen die Handwerker auf der Baustelle viel Zeit mit den Schulklassen, die täglich auf der Baustelle eintreffen. Sie erklären welche Werkzeuge für was eingesetzt werden und beziehen die Kinder aktiv in das Geschehen ein. In einfachen Hütten können die Kinder zudem selber Hand anlegen und unter anderem in Granit ihre Initialen einmeißeln. Sozusagen ein kostenfreies Souvenir von der Baustelle.
An den meisten Stellen komm ich aus dem Staunen nicht heraus. Immer wieder sag ich zu mir „Ach so wird dies gemacht“, wie zum Beispiel auch bei der Herstellung der Dachziegel. Hätte mich vor wenigen Wochen jemand danach gefragt, wie man diese selber herstellen kann, ich hätte keine Antwort darauf geben können. Dabei liegt das Geheimnis in einem Klumpen Lehm, einen Holzrahmen und einem altmodischen Brennofen, der einem Erdhügel gleicht.
2011, 2012, 2013… und keine Ende – Guedelon wächst weiterIn Guedelon wird eben nichts verheimlicht. Guedelon ist Geschichte zum Anfassen. Sogar an die Motte, einer kleinen Wehranlage mit einem Wachturm, wurde gedacht, obwohl man doch heute keine Überfälle mehr zu befürchten hat. Doch wer weiß was die Zukunft bringt. Denn schließlich soll es in Frankreich unterdessen auch erste Wettbewerbe in Tribok-Weitschuss geben. Ob die Burg einen dieser mittelalterlichen Belagerungswaffen standhalten könnte? Wer Guedelon besuchen möchte, sollte sich aber beeilen. Ich gehe davon aus, die nächsten zwei bis drei Jahre ist die interessanteste Bauphase. Viele Teile der Burg sind bereits fertig, so dass man in dieser fleißig herumstöbern kann. Trotzdem kann man dem weiteren Ausbau der Burg noch aktiv folgen. Man erlebt den Kran in Aktion, ein Highlight für sich, und kann den Bewohner von Guedelon noch gut über die Schulter sehen. Weitere Infos: wikipedia.org, www.guedelon.fr |
Der Plastikschlauch war genial. Da denkt man: „Hey ist hier ja wirklich alles wie im Mittelalter.“ und wenn man mal hinter die „Kulissen“ blickt, dann entdeckt man, wie hier wirklich gearbeitet wird. Mich würde es nicht wundern, wenn irgendwann mal darüber berichtet wird, dass nach dem die Besucher verschwunden sind, die Arbeitsmaschinen anrücken und man das Stück der Burg baut, welches man tagsüber aufgrund der vielen Gespräche mit den Besuchern, nicht fertig stellen konnte.
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Hi Ronny,
ich kann mich deiner Empfehlung nur anschließen: Sollte man sich unbedingt anschauen, wenn man in der Gegend ist. Da du aber den Plasteschlauch schon erwähnt hast: Die Franzmänner sind eben doch elende Faker - dem Besucher eine Holzröhre mit vermeintlich natürlichem Wasserzufluss zu zeigen und wenn man dann auf den Hügel krabbelt, sieht man, dass die Röhre per Schlauch an einen Wasserhahn angeschlossen ist... ;-)