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Opium fürs Volk - Die Zahlen zur Inflation
Geschrieben von: Jens   
Sonntag, den 07. März 2010 um 19:19 Uhr
inflationsrechner_miniEin Gespenst geht um in Europa. Doch ist es nicht das sinnbildliche Gespenst des Kommunismus aus Karl Marx's kommunistischen Manifest. Es ist das Schreckgespenst der Inflation. Wird der Euro nun endgültig zum Sargnagel unseres Wohlstandes? Selbst wenn wir von Bedrohungsszenarien unserer Tage wie Bankpleiten, Währungsschnitt oder Staatsbankrott verschont bleiben, so haben wir  doch immer öfter ein flaues Gefühl in der Magengegend. Vernichtet die Geldentwertung unsere Kaufkraft vollends? Oder ist alles nur Einbildung? Ein auf den eigenen Konsum einstellbarer „Persönlicher Inflationsrechner“ des Statistischen Bundesamtes soll Klarheit verschaffen.

Das Thema der Geldentwertung hatte in der breiten Öffentlichkeit lange Zeit eine untergeordnete Bedeutung. Lohnsteigerungen und Teuerungsraten schienen sich die Waage zu halten. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung in der alten Bundesrepublik, konnte für viele Jahre sogar Kaufkraftzuwächse verzeichnen. Die breite Masse wurde also am Wirtschaftswachstum beteiligt. Nach der Wiedervereinigung war dieses Phänomen abgeschwächt auch in den ostdeutschen Ländern auszumachen.

Die Einführung des Euro als gesetzliches Zahlungsmittel in Deutschland, veränderte  diese Sichtweise grundsätzlich. Vom Volksmund hämisch schnell zum Teuro erklärt, war für viele klar, diese Währung macht das Leben unangenehmer. Anders ausgedrückt, in Zukunft kann ich mir für die gleiche Arbeit weniger leisten. Das Problem des Euro ist die fest verankerte Erinnerung an die Preise des Jahres 2001. In Verbindung mit der leichten Umrechenbarkeit zur Deutschen Mark im groben Verhältnis 2:1. Ein solcher Fixpunkt existierte bei der Deutschen Mark nicht mehr. Geldentwertung wurde viel spürbarer, ein Vergleich leicht möglich. Seit Jahren beschwört die Politik deshalb, es handle sich um eine „gefühlte Inflation“.

Glauben wir den veröffentlichten Zahlen, dann lebten wir in den Jahren zwischen 2002 bis 2009 mit Inflationsraten von unter einem bis 2,7 % Prozent in einer fast paradiesischen Welt. Unser Geld war sicher. Anlagen bei Banken und Versicherungen konnten es gar vermehren.

Das „Statistische Bundesamt Deutschland“ benutzt bei der Ermittlung der Inflationswerte einen sogenannten Warenkorb. Er enthält eine fiktive Ansammlung von Gütern von denen man unterstellt, dass sie der durchschnittliche Deutsche so in etwa konsumiert. Dieses Mittel ist freilich notwendig, um eine allgemein gültige Inflation zu bestimmen. Gibt dem Einzelnen jedoch nur eine grobe Orientierung. Der Besucher eines Gourmettempel könnte Preisveränderungen im Gastronomiegewerbe völlig anders erleben, wie der Nutzer des nächsten Dönershops. Wer seine Wohnung im Winter ständig auf 28 Grad hält und dreimal täglich seine Badewanne besucht, hat einen dramatischeren Geldwertverfall erlebt, als der frierende und duschfeindliche Technikliebhaber. Die Preise zahlreicher Lebensmittel haben sich offensichtlich drastisch erhöht. Für ein einfaches Brot fällt beim Discounter heute der doppelte Betrag an, wie noch im Jahr 2000. Das nehmen wir sehr deutlich wahr. Eine eventuell stabil gebliebene Kaltmiete wird hingegen als selbstverständlich betrachtet.

Dies sind alles berechtigte Feststellungen. Mit Ihnen betreibt man allerdings nicht viel mehr als Stochern im Nebel. Konkrete Zahlen zu erhalten ist wichtig. Damit wir selbst bestimmen können, ob unsere Kaufkraft zumindest gleich geblieben ist. Oder wir bei der nächsten Gehaltsverhandlung mehr Gas geben sollten. Noch gravierender spielt das eine Rolle, wenn ich einen langfristigen Sparvertrag, beispielsweise eine Riesterrente abschließe. Anhand der unten aufgeführten Tabelle ist schnell nachvollziehbar, wie stark meine Kaufkraft auch bei mäßigen Inflationsraten sinkt. Die effektive Rendite der meisten Sparverträge und Versicherungen ist dadurch niedriger, als es uns die Versprechen auf den Ausdrucken der Versicherungsvermittler glauben machen wollen. Sind die erzielten Kapitalzuwächse gar geringer als mein persönlicher Inflationssatz, habe ich nüchtern betrachtet Geld vernichtet. Dieses Szenario ist bei bestimmten Konsumverhalten ohne weiteres vorstellbar. Nämlich genau dann ,wenn ich besonders viele Güter erwerbe, die in einem überdurchschnittlichen Maße von der Inflation betroffen sind (Bsp.: Autos, Kraftstoff, Gastronomie).

inflation_kalkulation


Der „persönliche Inflationsrechner“ des Statistischen Bundesamtes soll hier zumindest etwas Abhilfe verschaffen. In Ihm kann jeder seinen eigenen Warenkorb näher bestimmen. Der eigene Konsum ist mit wenigen Schritten über simpel zu bedienende Regler einstellbar. Somit erhält ein jeder seine individuelle Inflation.

Die Methode mag genauer sein. Ihre Aussagekraft ist dennoch mit Vorsicht zu genießen. Auf Grund der unzählbaren Menge an Gütern und Preisen, ist eine Vereinfachung auch hier unumgänglich. Inwiefern also beispielsweise der Anstieg des Preisindex im Gastronomiegewerbe korrekt ist, kann nur jeder für sich selbst beurteilen. Aus meiner Erfahrung heraus halte ich die Aussage der Statistik, gerade an dieser Stelle, für sehr zweifelhaft. Sofort stellt sich die Frage, wie realitätsnah die Inflation dann in den anderen dargestellten Bereichen erfasst ist. Eine genaue Bestimmung der persönlichen Kaufkraft kann letztlich nur jeder für sich selbst vornehmen. Indem man über viele Jahre Kaufbelege sammelt und sein Konsumverhalten beobachtet. Zugegeben eine Sisyphosarbeit, welche die Meisten  scheuen werden.

Die Inflationsrate ist nicht nur eine abstrakte Bemessungsgröße für Politik und Unternehmen. Sie ist eine entscheidende Kenngröße für unser persönliches Konsum- und Sparverhalten. Gerade wer Entscheidungen mit langfristigen Konsequenzen trifft (Immobilien, Kfz, Versicherungen), sollte den Geldwertverfall peinlichst genau in seinen Überlegungen berücksichtigen.

Die Köpfe hängen lassen braucht niemand. Denn es gibt Sie nach wie vor. Orte scheinbar immer währender Geldstabilität. Ganz sicher auch in Ihrer Nähe. Wie durch Zufall entdeckte ich heute, auf der Kesselsdorfer Straße 38 in Dresden, die Fleischerei Ernst Schulze. Die es sichtlich gut mit Ihren Kunden meint. Wo kann man noch eine warme Bockwurst mit Brötchen und Senf, erstklassiger Qualität, zu diesem kaum fassbaren Preis erwerben: 50 Cent.

inflationsrechner_klein


Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland - Inflationsrechner
Bildquelle: Deutsches Bundesarchiv Bild 102-00104



 
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