| Der aktuelle Filmtipp: „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ wird völlig grundlos kritisiert |
| Geschrieben von: Jens |
| Mittwoch, den 29. September 2010 um 05:00 Uhr |
Was wurde im Vorfeld über Oskar Roehlers neuen Film nicht alles geschrieben: Geschichtsklitternd, Antisemitisch, Geschmacklos. All das sei sein neuestes Werk. Auf der Berlinale soll es einen kleinen Skandal ausgelöst haben. Sind dies die Meinungsäußerungen einer kleingeistig - provinziellen Kritik? Es hat fast den Anschein.Seit 23.09.2010 gelangt „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ in den deutschen Lichtspieltheatern offiziell zur Aufführung. Zur Kinopremiere hatte sich im Dresdner Programmkino Ost ein interessiertes Publikum eingefunden. Der Saal war fast ausverkauft. Kein Wunder, hatte sich doch Oskar Roehler angekündigt, um sich den kritischen Fragen des Publikums nach der Vorstellung persönlich zu stellen. Davon wurde auch intensivst Gebrauch gemacht. Ich gelangte zu dem Eindruck, das Herr Roehler durchaus etwas unsicher in die Veranstaltung kam. Vielleicht die Art der Aufnahme des Films im „tiefsten Osten“ nicht einschätzen könnend. Das Publikum war offensichtlich fast durchgängig vom Film sehr positiv angetan. Es kam zu einer konstruktiven, anspruchsvollen und höchst erfrischenden Kommunikation zwischen Zuschauern und Regisseur. „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ erzählt die Entstehungsgeschichte des Nazi- Propaganda-Films „Jud Süß“. Der Fokus ist dabei auf den Hauptdarsteller des Werkes, den seinerzeit besonders beim weiblichen Publikum sehr populären Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti) gerichtet. Marian ist ein Lebemann und lehnt die Teilnahme an den Dreharbeiten anfangs aus eher opportunistischen Gründen ab. Fürchtet er doch einen negativen Einfluss des Films auf seine Karriere. Goebbels (Moritz Bleibtreu) kann ihn letztlich von einem Mitwirken überzeugen. Marians Leben ist nicht mehr das Gleiche, als er auf der „Promotiontour“ erlebt, welch diabolische Wirkung der hochwertig inszenierte Hetzstreifen entwickelt. Die Kritik am Film, die gerne auch vom geifernden Kommentarpublikum in diversen Onlinegazetten aufgegriffen wurde, setzt an mehreren Stellen an: Roehlers Film ist geschichtlich wenig exakt. Er beinhaltet geschmacklose Szenen, wie beispielsweise den während eines Bombenangriffs mit Gauleiter Froweins Frau kopulierenden Marian. Genannt wird auch der Umstand, wieso man einen Film über einen anderen Streifen dreht, der ohnehin „verboten“ wäre. Letzterer Punkt lässt sich schnell entkräften. „Jud Süß“ ist keinesfalls verboten. Eine öffentliche Aufführung ist möglich, wenn diese entsprechend moderiert wird. Wer also ernsthaftes Interesse an der Sichtung des Filmes hat, wird dazu auch eine Möglichkeit finden. Zum Genuss von Roehlers Streifen ist die Kenntnis von „Jud Süß“ jedoch nicht zwingend notwendig. Den Vorwurf der Geschichtsfälschung kann man sicherlich anführen. Dabei sollte nicht vergessen werden, wir haben es mit einem Kinofilm und nicht mit einer Dokumentation zu tun. Es geht um die künstlerische Wirkung des Filmes, der uns einen möglichst intensiven Eindruck vermitteln soll. Das ist „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ zweifelsfrei gelungen. Wer sich ernsthaft mit dem Thema auseinander setzen möchte, wird diesen Film nicht ohne eine Vorrecherche besuchen. Kann somit die gezeigten Situationen bewerten. Dem unvorbereiteten Zuschauer wird sehr eindringlich die bedrückende Lage im Dritten Reich vor Augen geführt. Das Perverse des Systems und seiner es vertretenden Protagonisten, gelingt es dabei gerade mit drastischen Szenen, wie „Sex beim Bombenangriff“, eindringlich vor Augen zu führen. „Jud Süss – Film ohne Gewissen“, bringt uns mit künstlerischen Mitteln wirkungsvoll gestaltet, einem weniger bekannten Stück der Geschichte des Dritten Reiches näher. Dabei bedient er sich nicht nur altbekannter Muster, sondern spielt wirkungsvoll mit seinen Figuren. Moritz Bleibtreu ist die vielleicht beste Goebbelsverkörperung der Kinogeschichte. Bleibtreu stellt die Macht und Boshaftigkeit des Propagandaministers aufs Trefflichste dar. Übersteigert dabei dessen Gesten minimalistisch und das so perfekt, das der menschenfeindliche und absurd-komische Goebbels entlarvt wird. Dabei verliert die Darstellung nie an Glaubhaftigkeit. Hier hat Moritz Bleibtreu spektakulär geschickt mit seinen schauspielerischem Mitteln gearbeitet. Marian, von einem inneren Konflikt geplagt, der sich im Spannungsfeld zwischen Karriere, Ruhm und Moral bewegt, ist ein Charakter, wie wir ihn auch heute noch täglich treffen. Genau das macht ihn so reizvoll. Er ist ein ganz normaler Bürger. Unpolitisch, mit menschlichen Schwächen, der sich zum Helfershelfer des Naziregimes macht. Marian trifft eine egoistische, keine moralische Entscheidung. An ihm ist zielsicher erkennbar, wie es passieren konnte, dass sich das deutsche Volk von Hitler und seinen Schergen verführen lies. Wir werden gewahr, die Gefahr der Manipulierbarkeit des Volkes durch Regierungen und Institutionen, selbst den Brutalsten und Menschenfeindlichsten, ist durchaus gegenwärtig. Denn Marian ist ein sehr „heutiger“ Mensch. Oskar Röhler und seine Schauspieler wissen mit dem Film über weite Strecken zu fesseln. Über einige wenige Feinheiten kann man sicherlich debattieren. Die Szene, in welcher Soldaten durch eine Vorstellung des Films fanatisiert wurden, ist recht dick aufgetragen. Man kann dies jedoch auch als künstlerische Überhöhung betrachten, welche belegte Reaktionen der Menschen nach der Vorführung des Films verdeutlichen soll. Der Darstellung von Marians Niedergang im letzten Akt des Streifens, hätten 10 Minuten mehr an Film sehr gut getan. Ein insgesamt guter, stellenweise exquisiter (Moritz Bleibtreu) Film, der keinen deutschen Kinozuschauer unberührt lassen dürfte. Link: Jud Süss - Film ohne Gewissen |
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