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Boxhagener Platz: Ostdeutsches Privatleben im unruhigen 1968
Geschrieben von: Jens   
Donnerstag, den 08. April 2010 um 17:29 Uhr
boxhagener_platz_startWissen Sie eigentlich was „Hormonsexuell“ ist? Nach diesem Film auf jeden Fall. Wir befinden uns in Ostberlin. Der Kiez Boxhagener Platz im Jahr von Studentenunruhen und dem Höhepunkt des Vietnamkrieges. Bei diesen Attributen  fallen einem sofort Streifen wie „Sonnenallee“, „Good by Lenin“ oder „NVA“ ein. In jenen wird vor allem mit der ostdeutschen Mentalität als dem fremden Wesen gespielt. Den Marotten und Absonderlichkeiten, die sich im Anbetracht der besonderen politischen Verhältnisse herausgebildet haben. Auch in „Boxhagener Platz“ stoßen wir auf diese Umstände. Doch dreht sich der Film weniger um die politischen Verhältnisse in der DDR, als viel mehr um das ganz normale Privatleben seiner Akteure. Auch wenn der Trailer etwas anderes andeutet. Das ist sehr erfrischend.



Breschnew ist zu Besuch bei seinem ostdeutschen Kampfgefährten Ulbricht. Das Ereignis wird auch am Boxhagener Platz mit einem zünftigen Fanfarenumzug der „Jungen Pioniere“ gewürdigt. Oma Otti (Gudrun Ritter) hat für den ganzen Firlefanz nicht viel übrig. Ihr ist die Friedhofsruhe ihrer zahlreichen verblichenen Männer und ein zünftiger Braten auf dem Tisch viel wichtiger.

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Auch ihr jetziger Mann Rudi (Hermann Beyer) liegt gerade im Sterben. Abgesehen von gelegentlichen kratzbürstigen Kommentaren aus seinem Bett, ist von ihm nicht mehr viel zu vernehmen. Auf dem Friedhof ist sie häufig gemeinsam mit ihrem Enkel Holger (Samuel Schneider), wo sie schon mit dem nächsten Kandidaten anbandelt. Dies ist der dritte Hauptprotagonist im Bunde. Karl Wegner (Michael Gwisdek) ist ein alter Spartakuskämpfer mit besten Verbindungen  in den Westen und einer für die staatlichen Behörden zu guten Geschichtskenntnis. Mit dem Kapitalismus kann er genauso wenig anfangen, wie mit dem verlogenen „Bonzensystem“ der DDR. In ihm findet der interessierte Holger einen großväterlichen Freund, der ihn in politische Geheimnisse einweiht und immer eine spannende Geschichte zu erzählen hat. Holger beginnt diese Welt gerade zu entdecken und begreifen, sucht seinen eigenen Weg.




Auch „der alte Karpfenkopf“ Fisch – Winkler (Horst Krause) hat es auf die rüstige Oma abgesehen. Mit milden Gaben will der verkappte Nazi das Herz von unserer Otti erweichen. Jürgen Vogel spielt Holgers Vater Klaus-Dieter. Er glaubt noch an das bessere Deutschland und engagiert sich als naiv-pflichtbewusster VoPo (Volkspolizist) für den Arbeiter-und Bauernstaat. Dessen Frau Renate (Meret Becker) hat gründlich die Nase vom spießigen ostdeutschen Alltag voll. Sie will ein aufregenderes Leben. Jenseits vom muffigen Friseursalon, verfallenden Altbauten und den politisch korrekten Obrigkeitsdenken von Klaus-Dieter. Den sie als Looser sieht und regelmäßig mit seinem Bier allein zu Hause sitzen lässt.

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„Boxhagener Platz“ ist eine wundervolle Milieustudie aus der DDR in Ihren frühen Jahren. Sie ist voller interessanter Menschen, die wir in ihrem ganz persönlichen Leben beobachten dürfen. Die Politik ist nie ganz außen vor. Doch zeigt uns Matti Geschoneck meisterlich, dass die DDR mehr war als nur ein alberner Politzoo, den man heute letztlich nur noch belächeln kann. Zum Beispiel die liebenswert schrullige Oma Otti. Wie sie ihr typisch ostdeutsches Essen kocht und genießt: Karpfen, Kohl- und Rindsrouladen, Gräupchen und Klopse. Die Wohnung und auch die anderen Drehorte, die Utensilien bis hin zur Mülltonne und dem Milchkännchen, zeigen eine authentische ostdeutsche Umgebung, wie ich Sie ähnlich selbst noch aus den 1980ern in Erinnerung habe. Hier war einer am Werk, der wirklich etwas von seiner Sache verstand.

Boxhagener Platz berichtet auf das köstlichste über seine kauzigen Charaktere. Er amüsiert bestens, erinnert an das private Leben der Bürger in der DDR, ohne die politische Situation und die Probleme mit dem diktatorischen Staat außen vor zu lassen. Dabei erhebt er nie zu sehr den moralischen Zeigefinger oder zieht die Situation ins absurd Lächerliche. Gelungenes Kino, dass für Ost- und Westdeutsche interessant und kurzweilig ist.

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Originaltitel: Boxhagener Platz
Tragikkomödie – Deutschland 2010
Darsteller: Gudrun Ritter, Samuel Schneider,Michael Gwisdek, Meret Becker, Jürgen Vogel
Regie: Matti Geschonneck

Bildquelle: Homepage zum Film der Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG.
(www.boxhagener-platz-film.de)

 
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