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Filmkritik: Transsiberian - Eisenbahn im kalten Sibirien
Geschrieben von: Jens   
Samstag, den 20. Februar 2010 um 18:06 Uhr
transsiberian-miniWenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Eine bestialisch ermodete Leiche wird auf einem Schiff gefunden. Der Hafen ist leicht marode. Die Autos sind eckig, die Polizisten korrupt und brutal. Es ist kalt, schmutzig, unmodern. Hochprozentiges fliesst in Strömen. Angestellte sind unmotiviert und wortkarg. Keine Frage. Das muss Russland sein. Mischt man dazu noch ein wenig Schnee und Züge in verschneiter Pampa, ist der Ort der Handlung definiert: Die längste Eisenbahn der Welt.

Roy (Woody Harrelson) und Jessie (Emily Mortimer) sind amerikanische Touristen. Selbstlos halfen Sie bei einem humanitären Projekt in Peking. Nachdem Sie in China ein wenig Weltenretter gespielt haben, wollen Sie es auf dem Rückweg in die Staaten nochmal richtig knallen lassen. Also ab in die russische Wildniss. Jetzt gibt's erstmal Abenteuer pur.

Jessie war früher ein "ganz böses Mädchen". Die dunklen Ecken Ihrer Vergangenheit hat die smarte Dame kunstvoll ausgeblendet. Sie führt jetzt ein bürgerliches Leben mit dem naiven Eisenbahnnerd Roy. Ein richtig netter Kerl. Die Reise lässt sich gut an. Die Transsib bietet was das Paar erwartet. Ursprüngliche Russen: Händler, Säufer und Babuschkas. Toiletten funktionieren nur sporadisch und zu trinken gibt es schwarzen Tee. Es wird viel fotografiert, geschwatzt und Abends mit den eingeborenen Passagieren tief in die Wodkaflasche geschaut.

Wären da nur nicht Abby (Kate Marra) und Carlos (Eduardo Noriega) im Abteil aufgetaucht. Der heißblütige Spanier Carlos entuppt sich als ein ungestümer Don Juan. Er lässt nichts anbrennen. Bei Jessie wird ohne viel Federlesens angebaggert. Warum seine süße Freundin so "Grunge" wirkt ist auch schnell klar. Sie ist aus Seattle. Das hippe Pärchen macht auf gebildet. Stimmt das denn wirklich? Und was soll die Sache mit den russichen Matrjoschkas? Russische Holzpüppchen als krisenfeste Anlagemöglichkeitt mit reißenden Absatzchancen in Amsterdam? Dort wird doch eigentlich mit anderen Dingen gehandelt?

Zwischenstopp Irkutsk. Der Bahnhof steht voller ausgedienter Dampfösser. Roy ist in seinem Element und vergisst vor lauter Glückseligkeit, dem Zuge wieder zuzusteigen. Carlos hat endlich freies Schussfeld bei Jessie und nimmt Sie mit auf eine Reise in die sibirische Einsamkeit. Es wird immer klarer, das der charmante Spanier nicht nur amouröse Ambitionen hat. Was verbirgt der Womanizer nur? Es sieht so aus, als würde diese Fahrt nicht für alle in Moskau enden...


Fazit: Haben wir es hier mit der russischen Version von Mord im Orientexpress zu tun? Warten wir es ab. Für den Anfang: Gepriesen seien die Klischees. Ort der Handlung und Situation sind uns sofort vertraut. Und los geht die Fahrt. Das ungleiche Ehepaar befindet sich auf fremden Gebiet. Nicht ganz sicher wie gefährlich dieser Ort ist,  benötigen Sie etwas Zeit um sich einzuleben. Gerade als Normlität einzukehren droht, tauchen Carlos und Abby auf. Jetzt übt sich der Film in Andeutungen, Spannung wird aufgebaut. Ungeduldig erwartet man in dieser unwirtlichen Kulisse dramatischste Situation. Vielleicht gar einen Kampf auf Leben und Tod. Es bietet sich an. Existiert ein düsteres Geheimniss oder einen Plan der beiden neuen Freunde? Carlos entpuppt sich letztlich als simpler Drogenschmuggler mit nicht ganz koscheren Methoden. Seine Libido hat er zwar auch nicht so recht im Griff. Ein richtig böser Junge ist er trotzdem nicht.

Gerade als die Zugfahrt respektive Story Gefahr läuft ins Stocken zu geraten, stößt Kommisar Grinko (Ben Kingsley) zu unserer illusteren Truppe. Was anfangs gelingt, gleitet auch hier schnell ins Stereotype. Der charismatische Polizist hat augenscheinlich auch ein paar weniger saubere Freunde. Plötzlich taucht eine alte Militärbasis auf, die als Folterkeller der Drogenmafia genutzt wird. Hier kann in aller Abgeschiedenheit geschaltet und gewaltet werden. Idealer Handlungsort für die unvermeidliche Folterszene. Der abschließende Showdown mit den kollidierenden Zügen ist nur noch peinlich und unglaubhaft.

Transsiberian hinterlässt den Zuschauer mit gemischten Gefühlen. Alles nicht so spektakulär und irgendwie schon mal besser gesehen. Ein konventioneller Thriller. Nicht schlecht und auch nicht überragend. Es gibt kaum Überraschungen und keine neuen Einfälle. Solide Unterhaltung für einen Abend, die danach schnell vergessen ist. Der Blick auf den hochkarätigen Cast ließ mehr erwarten. Dieser hat durch seine Präsenz den Streifen letztlich auch gerettet.

transsiberian01
Carlos lässt nichts anbrennen


transsiberian02
Ein Schnellehrgang zum Thema Reisepass


transsiberian03
Jessie plaudert mit Abbie über Ihre wilden Jahre



Originaltitel: Transsiberian
Thriller: Großbrittanien, Litauen, Deutschland, USA, Spanien 2008
Spielzeit: 111 Minuten
Darsteller: Woody Harrelson, Ben Kingsley, Emily Mortimer, Eduardo Noriega, Kate Mara
Regie: Brad Anderson

 
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