| Filmkritik: Ein russischer Sommer |
| Geschrieben von: Jens |
| Freitag, den 19. Februar 2010 um 17:44 Uhr |
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Anstatt die ehrwürdigen Hallen des großen Literaten zu betreten, trifft Walentin zuerst auf die vorgelagerte Bastion treuer Tolstoi Anhänger. Genauer, leicht fanatische Jünger des „Tolstojanismus“. Einer von Wladimir Tschertkow ins Leben gerufenen Philosophie, die sich auf Tolstoi beruft. Das Camp ist die russische Version eines kalifornischen Hippielagers. Nur 60 Jahre früher und 12.000 km weiter östlich. Die zupackende und freche Mascha findet am schüchternen Walentin sofort Gefallen. Endlich in Jasnaja Poljana eingetroffen, sieht Walentin sich einem überaus aufgeschlossenen und freundlichen Tolstoi gegenüber. Schnell ist er in die Familie integriert. Tolstoi lehnt mittlerweile Privateigentum ab. Besitz ist Ihm nach geradezu ein Gräuel. Die Essenz des menschlichen Daseins sieht er in Liebe und Freiheit. Diese Überzeugung lebt er täglich aktiv. Das er darüber den Familienbesitz, insbesondere sein Werk, ins Eigentum des russischen Volkes übertragen will, stößt auf den energischsten Widerstand seiner Frau Sofia. Fazit: Sicher werden vor allem an Literatur interessierte den Film mit Spannung entgegen fiebern. Wir sehen Aufnahmen wundervoller russischer Landschaften und eine in der letzten Phase seines Lebens befindliche, fast gottgleiche Schriftstellergröße. Samt der irgendwie sehr gut dazu passenden Sofia. Er möchte die Menschheit ins Licht führen. Sie das geistige Erbe Ihres Mannes vor dem Zugriff seiner phantastischen Weltverbesserungsideen schützen. Das ganze gewürzt mit der jugendlichen Liebe zwischen Walentin und Mascha. Der russische Sommer gefällt zu Anfang und macht neugierig auf das, was da noch kommen mag. Leider ist es recht wenig. Es wäre möglich jetzt gnädig zu sein. Die Feststellung zu treffen, im letzten Abschnitt eines Menschenleben passiert eben nicht mehr viel. Dann stellt sich die Frage, wieso einen Film darüber drehen? Dem zum Trotze: Die Geschichte hat Potential zur Dramatik und stellenweise blitzt dies auch kurz hervor. Nur ist die weitere Handlung völlig festgefahren. Im Konflikt zwischen Tolstoi, Sofia und Wladimir. Das erscheint schnell wie ein harmloses Scheingefecht zwischen vertrauten Menschen, die sich nicht mehr wirklich wehtun können. Eine Fortentwicklung der Charaktere ist bei dem hohen Alter der dargestellten Persönlichkeiten kaum zu erwarten. Und findet konsequenterweise auch nicht statt. Die Schauspielercrew ist wohl gewählt und liefert eine sehr gute Arbeit ab. Die Optik passt, die Stimmung passt, die Grundidee auch. Allein es fehlt an Handlung, echtem Konflikt, Humor und wahrer Leidenschaft. Mit einigen pfiffigen Einfällen gewürzt, hätte dieser russische Sommer ein spritziger Film über den großväterlich sympathischen Tolstoi und seiner gestreng liebevollen Ehefrau werden können. Wer sich am Schauspiel von Christopher Plummer, Hellen Mirren, Paul Giamatti und James McAvoy in Kombination mit der stimmungsvollen Kulisse erfreuen kann, wird dem Werk sicher etwas abgewinnen können. Die kaum vorhandene Bewegung in der zweiten Hälfte des Streifens provoziert Langeweile und dürfte beim Gros der Zuschauer bestenfalls zu gnädiger Duldung führen.
Originaltitel: The Last Station |
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