| Dieser alte Roman: Verschollene Gedanken |
| Geschrieben von: Jens |
| Montag, den 03. Mai 2010 um 18:45 Uhr |
Ein Abiturient erzählte mir kürzlich, dass im Deutschunterricht seiner Schule keine Lehrbücher mehr verwendet werden. Das offizielle Informationsmedium im Fach Deutsch ist, zumindest an dieser Einrichtung, mittlerweile das Internet. Von soviel Technikaffinität an einer staatlichen Bildungseinrichtung war ich positiv überrascht. Darüber fiel mir eine Geschichte ein, die mich aus mehreren Gründen ein wenig traurig machte.Das Internet durchdringt unaufhaltsam unseren Alltag und wird zum universellen Medium. Ein zurück aus dieser Entwicklung wird es kaum geben, im Gegenteil. Was mit den Menschen und Informationen passiert die sich dieser Welt verschließen, wurde mir nach dem Lesen meines letzten Buches klar. Ganz unten in meinem Bücherregal befindet sich eine Reihe von Werken, die ich sehr stiefmütterlich behandle. Zum einen deponiere ich dort geliehene Literatur. Permanente Erinnerung für mich, um selbige schnellstmöglich wieder ihren rechtmäßigen Besitzer zukommen zu lassen. Die zweite Sorte Bücher stammt aus der Kategorie „irgendwann lese ich das mal“. Entweder weil ich einmal glaubte, dass es sich um ein für den durchschnittlich gebildeten Mitteleuropäer unverzichtbares Werk handle, es mich dann aber nach kurzem Studium schnell langweilte. Oder ich bekam das Druckwerk einstmals geschenkt, schreckte aus mannigfaltigen Gründen dann jedoch vor dessen Studium zurück. Aus dieser Ecke kam mir jetzt ein Buch in die Hand. Ich hatte mir vorgenommen, mal wieder eines der vergessenen „Schätzchen“ zu lesen. „Der Tod muss warten“ nannte es sich . Ein „phantastischer Roman“ . Ich fand in ihm eine interessante Notiz aus dem Juli 1989. Meine Mutter hat dort in leicht melancholischen Ton eingetragen, dass es sich bei dem Buch um ein Geschenk aus dem ersten Urlaub handelt, welchen ich nicht mehr zusammen mit meinen Eltern verbrachte. Wo und mit wem ich mich in diesem Jahr herumtrieb, erahne ich nur noch dunkel. Allzuweit weg von zu Hause kann es nicht gewesen sein, denn der "Eiserne Vorhang" fiel erst einige Monate später. Merkwürdige Gefühle erfassten mich beim Lesen der Zeilen. Da waren positive Erinnerungen. Durch glückliche Zufälle (Nennen wir das Kind beim Namen: Beziehungen. Meine Mutter saß in Ihrem VEB Betrieb an der Stelle, wo die Urlaubsplätze verteilt wurden. Hoffentlich liest das hier keiner ihrer ehemaligen Kollegen.) verbrachte ich des öfteren mit meinen Eltern 2 Sommerwochen an der Ostsee. Die Unterkunftsmöglichkeiten dort waren knapp und sehr begehrt. Insbesondere in Ahrenshoop gefiel es mir immer sehr gut. Der Ort aus dem das Buch stammt. Ich vermute, ja muss davon ausgehen, meine Mutter erwarb es in der dortigen „Kunstkate“. Zu DDR Zeiten war Ahrenshoop eine kleine Oase für Künstler und Querdenker, auch die Prominenz aus Funk und Presse hatte dort ihre Residenzen. Das sich an diesem Ort ein Baubetrieb aus der sächsischen Provinz mit einem eigenen "Ferienheim" niederlassen konnte, war glücklicher Zufall. Der Ort war übersichtlich und verbreitete eine sehr entspannte Stimmung. Ich denke gerne daran zurück, denn diesen Charakter hat Ahrenshoop heute leider völlig verloren. Gleichzeitig fühlte ich mich auch ein klein wenig schuldig, dieses Buch erst nach fast 21 Jahren in die Hand genommen zu haben. Meine Mutter wollte mir eine Freude machen, suchte bewusst einen „phantastischen Roman“ aus, wohl über meine Vorlieben Bescheid wissend. Zugegeben, nicht ahnend was sich hinter dem Buch verbarg. Ich ignorierte das Geschenk komplett, interessierte mich nicht dafür. Das war kein feiner Zug von mir. Die Geschichte des Romans ist schnell erzählt. Handlungsort ist ein Welt, die ob des verwendeten Vokabulars und der Umgangsformen Züge eines sozialistischen Utopia hat. Ländergrenzen existieren nicht mehr. Die Technologien sind sehr gegenwärtig und praktisch der damaligen Zeit entliehen. Die Handlung wird aus der Perspektive des Journalisten Werner Strauß erzählt. Er gehört zu einem Freundeskreis, dessen dominierender Part, Hans-Heinrich Hofstetter, entscheidenden Einfluss auf den positiven Verlauf des Lebens der Freunde nimmt. Hofstetter ist unerklärlicherweise verschwunden. In Rückblenden erfahren wir nun durch Werner Strauß vom Leben und wirken des Wunderknaben, seinen positiven Einfluss auf den Freundeskreis und seine Kollegen. Die Story ist überhaupt nicht so spannend, wie es Titel und Umschlag glauben machen könnten. Faszinierend ist sie allemal. Sie erzählt uns von Menschen, wie sie heute nicht mehr existieren, bestenfalls vielleicht auch nur in entfernten Zügen so einmal existiert haben. Ihre Gedanken und Handlungen sind vor allem von einer Motivation beseelt: Selbstlosigkeit. Ihr Wirken konzentriert sich auf die Verbesserung der Situation ihrer Freunde, der Gesellschaft und auch der eigenen Lage. Einige Gedanken waren für mich gar nicht mehr fassbar, völlig fremd. Für mich war das Buch somit Zweierlei. Ausflug in die eigene Vergangenheit und Erinnerung an einen völlig anderen gesellschaftlichen Ansatz des Zusammenlebens und Wirtschaftens. Den man durchaus als naive Träumereien abtun kann. Doch warum nicht? Die Ideen sind originell und aktuell. Wohin Egoismus führt, ist täglich den Medien zu entnehmen. Kurz, ich interessierte mich für den Autor. Ich interessierte mich dafür, was andere Menschen über dieses Buch denken. Und nun passierte es. Claus Nowak, der Autor, scheint nicht zu existieren. Eine Suche bei amazon verlief (nahezu) ergebnislos. Die Befragung von Google und anderen Suchmaschinen führte mich lediglich zu einem PR-Berater, der mit meinem Autor garantiert nichts gemein hatte. Das Buch ist noch als Gebrauchtartikel erhältlich. Doch nirgendwo eine Rezension, noch nicht einmal ein kleiner Kommentar. Mir wurde klar, das die Gedanken, Motivationen des Claus Nowak vielleicht für immer verloren sind. Wir erwarten heute mehr Informationen und Hintergrundwissen über Literatur, Kunst, Politik, Wirtschaft. Über alle Belange unseres Lebens. Genau diese Funktion erfüllt das Internet. Wer sich hier unsichtbar macht, der Welt jedoch etwas mitzuteilen hat, wird in der öffentlichen Wahrnehmung auch unsichtbar sein. Denn die preisgegebenen Informationen des im Internet aktiven Teils der Menschheit, werden die Verweigerer des offenen Informationsaustauches überstrahlen. Ich fand es sehr schade nicht mehr über diesen Mann in Erfahrung bringen zu können. Wer weiß, vielleicht geleitet mich der Zufall eines Tages zu neuen Erkenntnissen. Doch was Claus Nowak zu seinem Roman führte, die Gedanken dieses Menschen, sind höchstwahrscheinlich für immer verloren. Ich habe das Gefühl, er hätte uns allen etwas interessantes mitzuteilen gehabt. Nur, wieviel Energie sind Sie bereit für aufwendige Recherchen aufzubringen, zu einem Thema das Sie beiläufig interessiert? Sind wir nicht alle so wahnsinnig stark beschäftigt, so eingebunden? Und, die nächste Information ist nur einen Klick entfernt... ![]() Originaltitel: Der Tod muß warten Autor: Claus Nowak Mitteldeutscher Verlag Halle Leipzig 1987 |
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Lieber Herr Färber!
Habe ihre Buchrezension gerade gelesen. Weil ich nach Claus Nowak (dem Schriftsteller aus der DDR) gegoogelt habe, wurde ich darauf verwiesen.
Mailen Sie mich doch direkt an.
Ich habe viele Bücher von Claus, alle gelesen und ich weiß vieles über ihn, weil ich bis kurz nach seiner Übersiedlung in die BRD mit ihm befreundet war und 8 Jahre lang mit ihm in Briefwechsel stand.
Claus Nowak war bis 1989 zumindest der produktivste Schriftsteller der DDR (jedes Jahr mindestens eine Veröffentlichung).
Mehr evtl. auf direktem Wege.
Mit Gruß
Hans Hessedenz