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Kochen für die Sinne: Martin Suter - "Der Koch"
Geschrieben von: Jens   
Donnerstag, den 11. März 2010 um 19:08 Uhr
der_koch_miniWas riecht denn da so lecker aus der Küche? Es ist ein Jammer. Anstatt den in die Schweiz emigrierten Tamilen Maravan Herd und Topf zu überlassen, muss der  begnadete Koch die Küche putzen. Als Asylbewerber darf er in der Schweiz nur bestimmten Tätigkeiten nachgehen. Im Spitzenrestaurant von Fritz Huwyler kann er den Köchen zwar hin und wieder bei komplizierten Zubereitungen zur Hand gehen, doch wird dies nur mürrisch geduldet.

Aus Protest gegen Ihre überheblichen Kollegen und Solidarität mit dem ignorierten Meisterkoch, beschließt seine heißbegehrte Kollegin Andrea, sich einmal von Maravan bekochen zu lassen. Dabei entdecken die Zwei eine gar wundersame Wirkung, die Maravans Geschick beim Verzaubern von Nahrungsmitteln auslöst. Über viele Jahre hatte Ihm seine Großtante Nangay in die Geheimnisse der Küche von Sri Lanka eingeweiht. Das kommt Maravan jetzt zu Gute. Nach einem Zwischenfall in Huwyler's Restaurant verlieren die Beiden Ihre Anstellung. Die erotisierende Wirkung von Maravans Speisen soll nun, zusammen mit Andrea, in bare Münze umgewandelt werden. Sie eröffnen eine Catering-Firma für libidosteigernde Menüs. Die illustre Kundschaft aus wohlhabenden Kreisen nimmt diesen Service mit Begeisterung auf.

Maravan und Andrea, die Hauptprotagonisten in Martin Suter's neuestem Buch, leben diesmal in einfacheren Verhältnissen als gewohnt. Ihre Sorgen sind weniger grundsätzlich existenzieller Natur, als mehr den Umständen Ihres Arbeitsumfeldes und Ihrer Herkunft geschuldet. Maravan darf sich nicht frei entfalten. Seine Verwandtschaft auf Sri Lanka und die tamilische Gemeinde in Zürich, nehmen Ihn jeweils finanziell und emotional in Beschlag. Die sehr hübsche Andrea ist homosexuell. Sie sieht sich, an wechselnden Arbeitsplätzen, permanent den unerwünscht dreisten Annäherungsversuchen Ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt.

Vielleicht ist es diesmal nicht so ganz Martin Suter's soziale Schicht, über welche er  in „Der Koch“ schreibt. Die häufig bei Suter anzutreffenden Geschäftsleute und High Society People, findet man eher in der Nebenhandlung um den nebulösen Dalmann.  Die Konflikte der Handelnden in „Der Koch“ sind für mich nicht die Hauptattraktion. Sie erreichen nicht die Dichte des Charakters eines Urs Blank aus „Die Dunkle Seite des Mondes“. Oder des Kunsthändlers Adrian Weynfeldt in „Der letzte Weynfeldt“.

Warum ist das Buch trotzdem absolut lesenswert und eine Empfehlung? Man kann sich mit den Personen, in erster Linie Maravan, gut identifizieren. Ist an Ihrem Schicksal interessiert. „Der Koch“ ist gewohnt flüssig und wunderbar lesbar geschrieben. Wir erfahren sehr viel über den in den Medien unterrepräsentierten Kampf der Tamilen auf Sri Lanka. Dabei ist die Story sehr aktuell gehalten. Sie verbindet Ereignisse der Wirtschaftskrise und des Tamilenkonfliktes mit dem Fortgang der Geschichte. Doch das eigentlich Sensationelle sind für mich die Beschreibungen von Maravans Kochkünsten. Maravan beim Kochen „zuzulesen“ ist fast schon Folter. So sehr macht uns Martin Suter auf diese Gerichte und Ihre Zubereitung neugierig. Man möchte am liebsten in das Buch hineinkriechen und von all den Köstlichkeiten naschen. Eine erstaunliche Rechercheleistung die verführerisch in Worte gefasst wurde.

Als sich das Buch langsam dem Ende zuneigte, sah ich wahre Höllenqualen auf mich zu kommen. Maravan ist mit Kochen fertig? Ich war voller Appetit auf diese zauberhaften Gerichte! Dann die Erlösung. Ich entdeckte es in der Tat erst nach dem Lesen der letzten Seite: Die Rezepte sind im Anhang zu finden. Vielen Dank Herr Suter.

der_koch_01



Der Koch: Roman
Autor: Martin Suter
Erstausgabe: 2010
Diogenes Verlag AG Zürich



 
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