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Anarchie in Spanien - George Orwell: „Mein Katalonien“
Geschrieben von: Jens   
Donnerstag, den 04. März 2010 um 22:57 Uhr
mein_katalonien_miniEnde 1936. George Orwell kommt nach Barcelona um über den spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Tief beeindruckt vom revolutionären Geschehen und den gesellschaftlichen Veränderungen in Barcelona, schließt er sich spontan der P.O.U.M. Miliz an (Partido Obrero de Unificación Marxista, deutsch: Arbeiterpartei der marxistischen Einigung). In der wilden Truppe zählen alte militärische Vorgehensweisen nicht. Man spricht sich mit „Kamerad“ und „Du“ statt „Senior“ und „Don“ an. Verpflegung und Ausrüstung sind überaus mangelhaft. Trotzdem begibt man sich voll Zuversicht in den Kampf gegen die Franco-Faschisten.

An der katalonischen Front findet er sich in einem merkwürdigen Krieg wieder. Abgesehen von Scharmützeln und gelegentlichen Vorstößen, kommt es in Ermangelung von Ausrüstung und Führung zu keinen großen Auseinandersetzungen. Die harten Gefechte werden von den Internationalen Brigaden um Madrid geführt. Trotzdem ist die Fronterfahrung kein Zuckerschlecken. Natürlich gibt es Tote und Verletzte. Die Verpflegung wird zusehends schlechter. Die Ausrüstung ist meist jahrzehntealt. Jeder fragt sich, ob die verrosteten „Mauser“ Gewehre überhaupt noch einen Schuss abgeben.

Zurück in Barcelona sieht sich Orwell einer völlig veränderten Lage gegenüber. Die revolutionäre Stimmung ist im Sinkflug begriffen. Die Situation ist unübersichtlich. In Barcelona kommt es schließlich zum finalen Kampf zwischen P.O.U.M.-Miliz und Ihren Gegnern aus Regierungs- und stalinistischen Truppen. Deren Gründe sich nicht sofort erschließen.


Fazit: George Orwell kennen die meisten sicher als Autor von „1984“ und „Farm der Tiere“. Weniger bekannt ist seine Tätigkeit als Reporter. In diesem Sinn ist auch „Mein Katalonien - Bericht über den spanischen Bürgerkrieg“ zu verstehen. Obwohl es sich um eine Reportage innerhalb des spanischen Bürgerkriegs handelt, lässt sich das Buch spannend und fesselnd wie ein Roman lesen. Dabei findet man auch sehr lange erklärende Abschnitte, über die in den Jahren 1936/37 in Spanien herrschende Situation. Doch selbst diese sind, zumindest für den geschichtlich ein wenig Interessierten, hochfaszinierend.

Was wusste ich bislang über den spanischen Bürgerkrieg? Ich nahm an, es handelte sich um eine Auseinandersetzung, bei der auf der einen Seite die Putschisten hinter den von Franco geführten Faschisten stehen. Mit Unterstützung von Deutschland und Italien. Die Gegenseite bilden die „Internationalen Brigaden“. Eine Freiwilligenarmee aus aller Herren Länder mit Support aus Sowjetrussland.

Nun, dies war weit gefehlt. Die Situation im spanischen Bürgerkrieg war um ein vielfaches komplizierter. Eine ganze Reihe von Parteien kämpften mit den verschiedensten revolutionären und konventionellen Anliegen gegeneinander. Dabei wurden Sie von wechselnden Mächten aus dem Ausland gestützt.

Die Übersetzung des Namens P.O.U.M. mag Anderes andeuten. Neben einer gewissen Nähe zu marxistischen Vorhaben, waren die Anhänger der P.O.U.M. jedoch in erster Linie Anarchisten. In Katalonien hatten Sie dabei in 1936 die Vorherrschaft. Wer sich nun Anarchie als das reinste Chaos vorstellt, der irrt. Die P.O.U.M. wollte eine echte Volksherrschaft, die mit den Zuständen im stalinistischen Russland nicht viel gemein hatte. P.O.U.M. verfolgte zumindest augenscheinlich eine sehr fortschrittliche und reizvolle Idee der echten Volksherrschaft und des Gemeineigentums. Es gelang dies auch zu großen Teilen in Katalonien durchzusetzen. Orwell empfand diesen Zustand der Gleichheit in Barcelona als befreiend und glückselig machend zugleich. Nicht vergessen sollte man jedoch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, welche seinerzeit durch die völlige Zerschlagung der alten Strukturen herrschten.

Wer hätte des weiteren gedacht, dass sowjetrussischer Einfluss dafür sorgte, das der revolutionäre Kampf in Katalonien schließlich beendet wurde. Aus Angst vor Deutschland, wünschte das mit Frankreich verbündete Russland keine Schwächung seines Bündnispartners. Diese wäre bei einem Wegfall Spaniens als wichtiger Handelspartner Frankreichs zu befürchten gewesen. Wenn eine eventuell unkalkulierbare marxistische oder anarchistische Regierung, nichtsowjetischer Prägung, in Spanien die Macht ergreift. Dafür nahm man sogar die Zerschlagung der P.O.U.M. und das Ende der kommunistisch/marxistisch/anarchistischen Revolution in Kauf.

Genauso gelingt es Orwell problemlos, durch seine vor Ort erworbenen Kenntnisse, die manipulierte und zensierte Weltpresse, sowohl des bürgerlichen wie auch kommunistischen Lagers, zu entlarven. Zeigt uns Machenschaften der Großmächte Europas auf, welche man in diesen Konflikt nicht so erwartet hat. Er berichtet uns von der liebenswerten und hilfsbereiten katalonischen Bevölkerung. Die ohne Überheblichkeit und mit so viel Gastfreundschaft agiert.

Was mir immer wieder gefällt sind Orwells Hinweise und Warnungen, seine Ausführungen stets als subjektiv geprägt zu verstehen. In Anbetracht der unübersichtlichen Lage und seiner eigenen Nähe zu den Anarchisten. Die geschichtlichen Hintergrundinformationen die uns George Orwell liefert, sind komplex und überraschend. Neben dem spannenden Text sind es genau diese Verquickungen, welche die Lektüre seines Berichts so kurzweilig und informativ werden lassen.

mein_katalonien


Originalausgabe: London - 1938
Originaltitel: Homage to Cataloni



 
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